Jetzt scheint die Perspektivlosigkeit endgültig mit ihnen durchgegangen zu sein. Wenn eine ironiefreie Nu-Metal-Combo wie die kalifornische Fünferbande Korn ihr einstündiges Berlin-Konzert mit einem ins Korn-Format geprügelten Cover von Pink Floyds "Another Brick In The Wall" beendet, muss mehr als eine Schraube locker sein im stählernen Dampfhammer-Getriebe. Doch Korn verfügen über eine hörige Fangemeinde, die alles verzeiht. Und den Hippie-Oldie gleich einer Offenbarung bejubelt.
Überhaupt ist in der ausverkauften Columbiahalle vom Start weg Bewegung wie beim Workout für Baggypants-Träger. "Right Now" heißt der Eröffnungssong. Er ist - wie einfallsreich - auch der erste Titel der aktuellen, sechsten Korn-CD "Take A Look In The Mirror", routiniert herausgerotzt und -geröchelt von Sänger Jonathan Davies, brachial angetrieben von tiefstimmigen Gitarrenriffs, überbordend übersteuertem Bass und wuchtigem Gepolter des protzigen Angeberschlagzeugs auf hohem Podest.
Die Form stimmt, sonst aber sind Korn keinen Schritt weiter gekommen. Dabei waren sie es doch, die mit ihrem Debüt 1994 der Leere nach der Grunge-Hysterie neue, schwerblütig finstere Inhalte gaben. Mit einer aufmüpfigen Mixtur von Hardrock, HipHop und aggressiven Gitarrensounds pusteten sie frischen Wind ins Rocklager. Sie illustrierten Teenagerängste, Beziehungsleid und Illusionslosigkeit mit depressiven, lautstarken Bildern à la H. R. Gigers Hollywood-Alien. Giger hat Jonathan Davies auch sein Mikrofonstativ designt, eine imposante Melange aus Schlangenungeheuer und Frauenkörper. Das Ding steht allerdings meist nur noch herum wie ein notwendiges Möbel aus besseren Zeiten, während Davies mit Wickelrock und Sendermikro über die Bühne stampft.
Der Sound ist machtvoll, das Licht von aufwändiger Exaktheit. Allerdings haben Korn inzwischen offenbar alles gesagt und wiederholen sich auffällig. Sie gerieren sich nach Charterfolgen und Millionenumsätzen mit solch einer coolen Perfektion, dass man ihnen Teenagertrauma und "Bad-Boys"-Image nicht mehr wirklich abkaufen möchte. Die langen dunklen Pausen zwischen den Songs bleiben dramaturgisch höchst störend.
Aber egal. Korn liefern, was das Volk hören will. "Blind", "Shoots & Ladders", "Dead Bodies" und eben "Another Brick In The Wall" zum Finale. Teufelsfäustchen werden in die Höhe gereckt, waghalsige Stagediver werden auf Händen getragen. Die Columbiahalle bebt. Wer das nicht durchsteht, sitzt bleich draußen im kühlenden Wind. Der Rest macht drinnen weiter Workout.
Peter E. Müller

