Die drei Berliner Opernhäuser rüsten zum Saisonfinale: Den Auftakt zum letzten großen Premierenreigen in dieser Spielzeit legte die Staatsoper mit "Don Carlo" hin. Von Verdis monumentaler Oper aber ist nicht allzu viel übrig geblieben.
Zwischen Frühstückskaffee und Abendtafel vollzieht sich das Leben. Bei jedem von uns. Selbst bei Königs. Philipp Himmelmann macht das in seiner "Don Carlo"-Inszenierung in der Lindenoper noch einmal über dreieinhalb Stunden ganz deutlich. Verdi hat in seiner monumentalen Oper, zumindest Himmelmanns Ansicht nach, eine geradezu ausschweifende Tischmusik komponiert.
Dabei sitzt man im Opern-Spanien zumeist mürrisch beisammen. Gleich zu Beginn spritzt Don Carlo, der Infant, offenbar mit Joghurt. Und es wird wohl das Rührei sein, in das sich der Marquis Posa später versehentlich setzt. Auf demselben Tisch, am Rande der Kaffeetassen, beginnt die Königin schließlich voller Verzweiflung zu bügeln. Dort füttert sie auch löffel- und kleckerweise tröstende Süßigkeiten ihrer entlassenen Hofdame ein. Sie quellen der Ärmsten aus dem verschmierten Mund auf die bis dahin schneeweiße Bluse.
Ein Tisch ist natürlich zu vielem gut. Man kann auf ihm Unzucht treiben, wie es der König mit der Prinzessin Eboli tut. Man kann auf ihm erschossen werden, wie es Posa geschieht. Man kann unter ihm hinkriechen: eine ganz spezielle Leidenschaft des Infanten. Man kann an ihm ausgiebig tafeln und währenddessen die Hinrichtung splitternackter, mit Benzin übergossener, an den Füßen aufgehängter Ketzer betrachten. Zwischen Frühstück und Nachtmahl tut sich wirklich so allerhand.
Natürlich inszeniert Himmelmann nicht Oper, er klagt lauthals das Weltgeschehen an: die Unmenschlichkeit des Menschen. Seine Verstrickungen in Hass und Liebe und Ideologie. Im Hinterkopf tickt ihm immer die aktuelle Folter. Eboli gibt sich mit den bewaffneten Hofdamen vom Schießdienst ausgiebig bedrohlichen Exerzitien hin, die vor Misshandlungen des armen gequälten Tebaldo nicht zurückschrecken. Offenbar, will Himmelmann sagen, hat sich seit den Tagen Philipps II. von Spanien bis heute wenig verändert. Der Mensch ist nun einmal des Menschen Feind.
Auf diese These zielt Philipp Himmelmann von Anfang an. Sie wird aber bedauerlicherweise erst im Verlauf der Aufführung deutlich. Im Grunde erst mit dem Schlussbild: zurückgekehrt an die Kaffeetafel des Anfangs. Es bleibt beim ewigen Kreislauf der Frühstücksbrötchen mit dem frisch gebrühtem Kaffee.
Bedauerlicherweise hat Fabio Luisi mit der Staatskapelle erstaunlich wenig zu sagen. Verdis Melancholie schwelt oder flammt nicht auf. Der Herzenston, der den "Don Carlo" durchzieht, wird nicht artikuliert. Mitunter braust das Orchester ein wenig auf und schüttelt musikalisch die Fäuste. Eine bewunderungswürdige Partitur wird ergebnislos umgeschaufelt. Nichts krallt sich ein. Nichts zeichnet sich aus. Verdi hat an diesem Premierentag frei.
Aber glücklicherweise sind René Pape und Kwangchul Youn zur Stelle. Sie dominieren den Abend, dem überdies Norma Fantini als Königin ein paar bemerkenswert innige Linien einzeichnet. Pape ist der König: im maßgeschneiderten Anzug die maßgeschneiderte Stimme. Alles sitzt pico bello. In manchen Augenblicken meint man sogar, René Pape stelle gar nicht König Philipp II. von Spanien dar, sondern, wohl gescheitelt, den Sängerkönig Fischer-Dieskau. Pape gibt sich nach inszenatorischer Vorschrift gestriegelt, rundum beherrscht, ein Ausstellungsstück. Und so singt er auch: tadellos, bewunderungswürdig. Anrührend wird seine Vortragskunst nie.
Da dreht Kwangchul Youn als Großinquisitor hinter den schwarzen Brillengläsern des Blinden schon ganz anders auf. Die Figur wächst auf zur Unheimlichkeit. Die Bösartigkeit des theologischen Prinzipienreiters sitzt bei ihm hoch zu Ross und gibt der Welt anhaltend die Peitsche. Neben ihm kämpft die Anständigkeit von Dalibor Jenis als Posa auf verlorenem Posten, so hingebungsvoll Jenis auch singt. Jorge Antonio Pita in der Titelpartie ist ungerechterweise der Verlierer des Abends. Einspringern kommt man bekanntlich immer mit einiger Nachsicht entgegen. Pita wurde sie diesmal versagt. Er ist sicherlich für die Partie noch nicht reif, aber er lässt doch zumindest einen angenehm geführten, zukunftsträchtigen Tenor hören.
Um ihre Zukunft braucht Nadja Michael nicht bange zu ein. Sie ist eine gertenschlanke, schlangengleich sich windende Eboli mit einem riesigen Materiallager musikalischer Möglichkeiten in der Stimme. Nur muss sie die erst einmal richtig auszuschöpfen lernen und zu Gesangslinien zu verbinden suchen. Einstweilen lässt sie nur mehr oder minder deutlich Signale ihrer Fähigkeiten hören.
Staatsoper, Unter den Linden 7, Mitte.
Tel.: 20 35 45 55. Termine: 17., 20., 23.,
28. und 30. Juni.


