22 000 Berliner bejubeln sein Konzert wie die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Dabei ist Phil Collins auf Abschiedstournee. Doch einen Star, der so erfolgreich das Image des Normalbürgers pflegt, lässt man nicht einfach ziehen.
Man spürt es. Man fühlt es kommen. In der zweiten Hälfe der Show stromert der kleine Kerl gemessenen Schrittes über Treppen und Bühnenrundgang und singt dieses unheimlich-melancholische Lied, für das ihm selbst rigoroseste Nörgler und Neider bis heute heimlich Tribut zollen. Er schafft es genau zur rechten Zeit ans Schlagzeug und knüppelt persönlich diesen wuchtigen Doppel-Beat in die Felle, der dem süßlich-dunklen "In The Air Tonight" dieses spannungsknisternde Flair verleiht. Da steht die ausverkaufte Waldbühne Kopf und nimmt Phil Collins, diesen so fürchterlich netten Engländer, applaudierend in die Arme.
Wir haben es kommen sehen: Die als Abschiedstournee deklarierte Konzertreise des 53-Jährigen wird gefeiert und bejubelt wie die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Ein Tourtitel wie "First Final Farewell Tour 2004" lässt die jungen und jung gebliebenen Besucher in dieser imposanten Amphitheaterkulisse freilich hoffen, dass es Collins nicht ganz so ernst nimmt mit seiner Drohung. Dennoch zelebriert er den Abschied - und 22 000 Menschen fühlen sich wohl wie bei einer Fete unter Freunden bei Antipasti und Rotwein im Vorgarten.
In einer Folge der Achtziger-Jahre-TV-Serie "Miami Vice" spielte Phil Collins einmal einen kleinen britischen Hallodri auf Glückssuche. "Phil The Shill" hieß die, und Collins war ein schlitzohriger Betrüger, der Leuten, die es besser wissen müssen, das Geld aus der Tasche gaunerte. Dabei konnte man ihm nie wirklich böse sein. Auch im wirklichen Collins scheint etwas von diesem anderen Phil zu stecken, kein Bauernfänger zwar, aber ein mit Bauernschläue gesegneter. Der Typus, den man gemeinhin mit "Herz am rechten Fleck" apostrophiert. Später hat er die Rolle für die Kinokomödie "Buster" noch einmal verfeinert.
Interessanterweise nimmt man es ihm nie wirklich ab, dass er auch auf der Bühne eine Rolle spielt. Die Show ist zwar perfekt inszeniert und ausgezirkelt, jeder Schritt sitzt, Sound und Licht sind von computergenauer Akkuratesse. Doch der Spaß daran, so vielen Menschen vorzuführen, was man im Leben vollbracht hat, wirkt echt. Wie auch die Genugtuung, es geschafft zu haben, der oft fiesen und nicht immer anständigen Kritik zum Trotz. Er fühle sich wie ein Maulwurf, hat er mal gesagt: "Kaum hebt sich der Kopf des Maulwurfs aus seinem Versteck, schon schlägt jemand mit einem Spaten - bäng! - auf ihn drauf."
Collins war schlauer. Er hat gelernt, sich im rechten Moment zu ducken. Er hat sich durchgewühlt bis zu den Stellen, wo es keine Spaten gibt. Und die paar übrig gebliebenen Schaufelschwinger einfach ignoriert. Klar, er ist weder Trendsetter noch Visionär. Ein harmonieseliger Gutmensch. Ein sympathischer, musikverliebter Stinknormalo eben, der aber seine Platten ebenso in Millionen zählen kann wie sein auf runde 400 Millionen Dollar geschätztes Vermögen. Ganz nebenbei ist der Sänger und Komponist noch einer der besten Schlagzeuger der Welt.
So beginnt das Konzert nicht zufällig mit einem Paukenschlag. Collins trommelt mit Bandschlagzeuger Chester Thompson und Perkussionist Luis Conte eine Viertelstunde lang ein afro-brasilianisches Drum-Gewitter ins Waldbühnenrund. Let There Be Drums! So hat schließlich alles angefangen, damals in London, als Collins 1970 bei Genesis als Trommler einstieg, nebenher mit den Jazzrockern Brand X obskure Platten aufnahm, bis er 1974 Genesis-Sänger Peter Gabriel am Mikrofon ablöste.
Von Genesis freilich ist heute nichts zu hören. Der Schlagwerk-Auftakt mündet in "Something Happened On The Way To Heaven" mit sattem Funk-Gebläse. Und für mehr als zwei Stunden gibt's Phil Collins satt, vom genialen 81er Debütalbum "Face Value" bis zum vor kurzem erschienenen Mainstream-Handstreich "Testify". Dafür hat der Wahl-Schweizer mit Mike & The Mechanics, der Band seines früheren Genesis-Kollegen Mike Rutherford, ein bisschen Vergangenheit fürs Vorprogramm mitgebracht.
Collins liebt das Beständige, das Gewachsene, das Gewohnte. Wozu Experimente? Er ist so sehr Mainstream, wie es seine Idole der Stax- und Motown-Soul-Ära einmal waren. Seine erstklassige Band besteht aus alten Bekannten. Gitarrist Daryl Stuermer, der schon auf "Face Value" dabei war, der gewichtige zweite Gitarrist Ronnie Caryl, das langbärtige Bass-Urgestein Leland Sklar, Drummer Thompson, Perkussionist Conte und Keyboarder Brad Cole. Dazu fünf Chorsänger und eine Vier-Mann-Bläsertruppe.
Mit ihnen führt uns Phil Collins in streng-grauem Zwirn durch das Haus seiner Karriere, durch Zimmer voller weihevoller Schnulzen wie dem Filmschlager "Against All Odds" oder der Ballade "True Colours", durch Räume voller großartigen Pops wie "Another Day In Paradise" oder "In The Air Tonight". An die Hausbar, wo er mit der stimmvoluminösen Soulsängerin Amy Keys wunderschön "Seperate Lives" im Duett singt. Und durch einen Partykeller voller krachender, lautstarker Hits: "Don't Lose My Number", "Hang In Long Enough", "You Can't Hurry Love", "Sussudio". Luftschlangen und lustige Hüte gibt's auch.
Sieben Jahre war Phil Collins weg vom Tourneefenster. Er wollte für seine junge Familie in der Schweiz da sein. Er hatte sich auf Filmmusiken kapriziert und steht gerade vor der Aufgabe, für eine mögliche Broadway-Inszenierung seinen Soundtrack für Disneys "Tarzan" zum Musical umzuarbeiten. Er muss nicht mehr um die Welt touren. Aber wenn er es tut, sind größte Spielstätten im Nu ausverkauft. Er badet in der Berliner Begeisterung, als wär's ihm ein bisschen peinlich. Zum Abschied sagt er: "Danke, dass Ihr mir die Treue gehalten habt über all die Jahre." Und irgendwann scheinen im rhythmischen Schlussapplaus die Worte "Komm wieder, komm wieder, komm wieder" mitzuschwingen. Nicht nur zur letzten Zugabe.

