Nazi-Persiflage mit Klumpfuß

Unter den Flüsterwitzen aus dem "Dritten Reich", die das Hans Otto Theater im Programmheft druckt, fehlt einer. Was denn die schlimmste Strafe für Hitler sei? Dass er alle Witze, die man über ihn macht, auswendig lernen müsse.

So viel zur Frage, ob man über die Nazis lachen darf. Man tut es seit langem. Die Potsdamer Uraufführung "Goebbels und Geduldig" ist auch nicht die erste deutsche Komödie zu diesem Thema. "Noch ist Polen nicht verloren", hieß es etwa 1995 im Renaissance Theater bei Jürgen Hofmanns Bühnenadaption des Romans von Melchior Lengyel, der 1942 Vorlage für den Kino-Klassiker "Sein oder Nichtsein" war. Der Lubitsch-Film gilt neben Chaplins "Der große Diktator" als Paradebeispiel für komödiantischen Umgang mit dem Nationalsozialismus.

Dass Peter Steinbach in seinem "deutschen Volksstück" sich relativ schamlos bei den großen Vorbildern bedient, wäre noch verzeihlich. Wenn die Adaption denn nicht gänzlich ohne Witz und Esprit daherkommen würde. Hauptpersonen in "Goebbels und Geduldig" sind Nazi-Größen und ihre Doppelgänger, Schauspieler einer Kabarett-Truppe, die von den Machthabern in einem Sonderlager gehalten werden. Denn Diktatoren setzen bisweilen auf Doubles.

Der jüdische Schauspieler Harry Geduldig ist das ideale Goebbels-Imitat, weil er den Propaganda-Minister nicht nur täuschend echt nachmacht, sondern über einen echten Klumpfuß verfügt. Beim Goebbels-Besuch im Lager kommt es zur Verwechslung. Der echte Goebbels landet da, wo er schon lange hingehört, in der Zwangsjacke. Geduldig trifft auf dem Obersalzberg den "Führer" und verhilft seinen Mitstreitern und seiner Liebsten zur Flucht.

Vor zwei Jahren hat die ARD dieses Stück, nach unzähligen Umarbeitungen, bereits gezeigt. Das Ergebnis war, trotz des Staraufgebots, ein Fiasko. Für die Theaterfassung legte Steinbach nochmals Hand an, vergeblich. Die eigentlich spannende Verwechslungsgeschichte scheint ebenfalls unter einem Klumpfuß zu leiden, so umständlich wird sie erzählt. Regisseur Herbert Olschok und seine Bühnenbildnerin Sabine Pommerening können zumindest mit einigen szenischen Einfällen aufwarten. Doch der Unterhaltungswert ist nur unwesentlich höher als der Erkenntniswert, dass Potentaten letztlich auch nur Schauspieler sind.

Geduldig ist auch das Publikum, das sich fast drei Stunden hinhalten lässt und sich allenfalls mit ordentlichen Leistungen der HOT-Schauspieler tröstet, von Philipp Mauritz und Ronald Funke in ihren Doppelrollen als Goebbels/Geduldig bzw. Hitler und dessen Parodist, über Katharina Voß als Magda Goebbels bis zu Ursula-Rosamaria Gottert als mütterlich-beflissene Eva Braun. Alles in allem jedoch wirkt der Abend so prickelnd wie das Fachinger, das sich der "Führer" hinter die Binde gießt.

Hans Otto Theater, Am Alten Markt, Potsdam. Tel.: 0331 / 981 18. Termine: 22. und 25. 5., 19.30 Uhr, 27. 5., 18 Uhr.