Tucholskys Lottchen

Sie heißt mit Nachnamen Laßmann. Sie ist Mutter von Kindern, deren genaue Zahl wir nicht kennen. Ihr Mann trägt den Vornamen Artur. Ihre Freundin, Arztgattin, heißt Käte. Wie sie aussieht, wissen wir nicht; wir stellen uns vor, sie sei schlank, ihr blondes Haar trage sie zum Bubikopf frisiert. Was wir einzig erfahren, ist ihre Redeweise. Die Dame ist ausgestattet mit einem geradezu hemmungslosen Redefluss und zeigt eine gewisse Virtuosität im Schuldenmachen.

Sie hat einen festen Geliebten, den sie Daddy nennt. Sie hat auch sonst allerlei Männerbekanntschaften. Einen, mit dem sie sich einließ, hielt sie für einen Seemann, seiner Tätowierungen wegen, und erfuhr hinterher, dass es sich um einen eben entlassenen Knastbruder handelte, der sie auch prompt bestahl. Der Kriminalbeamte, bei dem sie darüber Meldung machte, erlag ihrem Charme ebenso wie der Polizist, der ihre Kollision mit einer Schafherde untersuchte. Natürlich wurde der Schäfer beschuldigt.

Lottchen interessiert sich für Mode und Männer, in erster Linie aber für sich selbst. Sie ist ein unverwechselbares Berlingeschöpf der Zwanziger Jahre, etwas emanzipiert und etwas spießig, nicht sehr gebildet, dabei schlau und gelegentlich witzig. "Natürlich war ich mit einem Mann. Na, soll ich vielleicht mit einer Krankenschwester ins Theater ..." Lottchen ist eine Erfindung des Schriftstellers Kurt Tucholsky. Ihre Monologe und Dialoge druckte, unter dem Pseudonym Peter Panther, die im Ullstein Verlag erscheinende Vossische Zeitung. Das reale Vorbild für Lottchen hat sich, lange nach dem Freitod des Autors, selber offenbart, unter dem Buchtitel "Ich war Tucholskys Lottchen". Sie hieß Lisa Matthias, war von Beruf Modejournalistin und fünf Jahre lang Tucholskys Geliebte.