Auf dem Klingelschild ist nichts zu bemerken, aber am Briefkasten pappt ein Klebestreifen mit dem Namen, der beweist: Goethe lebt! Und zwar in Kreuzberg! Lars Rupert Vincent von Goethe ist nach eigener Auskunft direkter Verwandter des berühmten Dichterfürsten, er könnte Großonkel zu ihm sagen.

Der Bruder von Johann Wolfgangs Vater sei, so Goethe junior, sein eigener "Großvater mit sieben Mal Ur- davor". Er geht vor ins Wohnatelier und drinnen, bei Licht, ist die Ähnlichkeit mit Goethe senior unübersehbar: lange, wellige Haare, zum Zopf zusammengebunden, hohe Stirn, schmaler Mund. Auch wenn Lars von Goethe zeitgemäß Trainingsjacke trägt, die Nase räumt jeden Zweifel aus: markant und lang geht sie als sicheres Verwandschaftsindiz durch.

Indizien sind wichtig, denn Lars von Goethe führt ein derart unglaubliches Leben, dass der Zuhörer immer wieder versucht wird, das Erzählte mit der Realität abzugleichen. Zu einem Ergebnis kommt man dabei nicht. Und schließlich: Kann ja sein, dass es so etwas wie ein Universal-Genie-Gen gibt, das sich seit Johann Wolfgang verschämt rezessiv verhalten hat, nur um beim Kölner Juwelierssohn Lars Rupert Vincent jetzt mit voller Macht auszubrechen. Anders ist es kaum zu erklären, dass Lars von Goethe mit 28 Jahren bereits fünf eigene Theaterstücke inszeniert, zwei Romane veröffentlicht, Bilder gemalt und nach eigener Auskunft mehr als 1000 Musikstücke komponiert hat. Nicht zu vergessen die Hörspiele, Filme und Happenings. Nebenbei promoviert er in Kunstgeschichte. Das alles aber erst, nachdem er seine Karriere als Profi-Golfer in Palm Springs ("Handicap null") spontan zu Gunsten der Geisteswissenschaften aufgab.

Absolut gesichert ist, dass Lars von Goethe heute in der Brotfabrik Premiere feiert mit seinem Stück "Pandora Revolution", einer Adaption von Johann Wolfgang von Goethes Fragment "Pandora". Es ist das erste Goethe-Stück, das er auf die Bühne bringt. Und bei dieser Gelegenheit hat der junge Goethe das Fragment auch gleich noch vollendet. Anders als sein Urgroßonkel hat er sich dabei nicht auf die tragische Liebe konzentriert, sondern auf den Konflikt zwischen den Brüdern Prometheus und Epimetheus: "Der eine ist der Nach-Denker, der Poet, der andere ist der Vor-Denker, der Zivilisationsmensch. Und beide agieren als Automaten." Er empfinde das Stück als Riesen-Puzzle, es zeige die Zersplitterungsprozesse unserer Zeit und er habe auch versucht, "verschiedene Bilder der Schizophrenie" darin nachzuvollziehen.

Was hätte der alte Goethe wohl dazu gesagt? "Ich bin sicher, das wäre in seinem Sinne gewesen", sagt der Nachfahr. Überhaupt fühlt er sich dem Verwandten sehr nah: "Er schaut mir oft über die Schulter. Manchmal führt er meinen Stift." Und Lars teilt seines Vorfahren Spaß am Archivieren: "Ich sammle alles", sagt er und meint damit nicht Telefonkarten, sondern: "Licht oder Gesprächsfetzen". Letztes Jahr auch tote Fliegen, deren Verfallsprozesse er dokumentierte. Außerdem deckt er getreu dem Goethe'schen Universalanspruch sämtliche Bereiche der Kunst ab und sagt trotzdem: "Mich füllt es noch immer nicht aus." Er sagt das nicht, um zu beeindrucken. Lars von Goethe ist keiner, der selbstinszeniert in die Öffentlichkeit drängt. Er spricht überlegt, ernsthaft, wirkt fast scheu.

Gut möglich, dass der Mann einfach zu viel Zeit hat: Er ist der Meinung, Schlafen und Essen sei ein Reflex, den man sich abtrainieren könne, das hat er getan. Er isst kaum, geht nie in Restaurants und vier Stunden Schlaf pro Nacht müssen reichen. Wie zum Beweis steht die Matratze hochkant an der Wand. Die anderen Räume des Ateliers sind nach Kunstdisziplinen aufgeteilt. In einem wird geschrieben, im anderen gemalt, im dritten Musik gemacht. Es wird der Schreibraum sein, der demnächst wieder stärker beansprucht wird, denn nach "Pandora" hat er offenbar Gefallen gefunden an der Vollendung der Werke seines Vorfahren: "Ich bin fest entschlossen, Faust III zu schreiben", sagt er. "Da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen."

Brotfabrik, Prenzlauer Promenade 3, Weißensee. Tel.: 471 40 01. Heute bis 25. 1., 20.30 Uhr