Im Juli 1830 stürzt das Volk von Paris den Bourbonenkönig Karl X. Karl hat versucht, die Freiheiten zurückzustutzen, welche von der Revolution von 1789 noch übrig geblieben sind. Nun schwappen die Wellen der so genannten Juli-Revolution durch Europa. Die Unruhen erreichen auch Berlin, allerdings nur als Schneiderrevolution, in der die Gesellen des Handwerks mit der Schere im Zunftzeichen die Verbesserung ihrer Lage fordern. Sie reißen andere "unsichere Elemente" mit und liefern sich Straßenkämpfe mit der Polizei und dem Militär. Liberale Zeitgenossen tadeln die Rohheit der Ordnungskräfte, versichern aber im selben Atemzug, dass sie treu zum König stehen.

Fünf Jahre später folgt die Feuerwerks-Revolution. Kurioserweise entspringt sie dem Brauch, den Geburtstag des Königs mit Lärm und Knallerei zu feiern. Der Polizei wird es zu laut. Sie schreitet ein und provoziert damit "ärgste Unsicherheit in den Straßen". Karl Varnhagen von Ense, der Witwer Rahels Varnhagens, Diplomat, Schriftsteller und hervorstechender Zeitzeuge, notiert "fortdauernde Volkswidrigkeiten" und "bedenklichen Fortschritt in der Dreistigkeit". Nicht weniger tadelt er ein dummes Gesetz gegen den Volksauflauf: "Jetzt ist noch die Möglichkeit erhöht, dass man unschuldig hart bestraft werden kann; wie soll man sich aber hüten, unschuldig zu sein?"

Ein "armes Leben", einen "traurigen Zustand in öffentlichem Betreff" - Besseres findet Varnhagen über Berlin nicht zu sagen: "Alles stockt, alles ist gedrückt, außer was ganz für sich bestehen und gedeihen kann, stilles Wissen und Denken, und vertrautes Gespräch." Die Schlussfolgerung: "Berlin bedarf einer freien Entwicklung, oder einer großartigen, geistvollen Machtleistung."

Die bleibt auch aus, als im Juni 1840 Friedrich Wilhelm III. stirbt und sein gleichnamiger Sohn den Preußenthron besteigt. Friedrich Wilhelm IV. wird allgemein als Schöngeist begrüßt, und man erhofft sich von ihm darum Wandel zum Besseren. Der russische Anarchist Michail Bakunin aber entdeckt auf einer Berliner Hauswand ein Transparent, auf dem unter einem preußischen Adler ein Schneider ein Gewand plättet. Darunter steht geschrieben: "Unter deinen Flügeln / kann ich ruhig bügeln." Bakunin hält die Berliner auf Grund dieser und ähnlicher Beobachtungen für schreckliche Philister und fügt hinzu: "Wäre der zehnte Teil ihres reichen geistigen Bewusstseins ins Leben übergegangen, so wären sie herrliche Leute, bis jetzt aber sind sie, ach!, ein höchst lächerliches Volk!"

Tatsächlich macht Friedrich Wilhelm IV. zunächst keine schlechte Figur. Er zieht Schlussstriche unter Kirchenzank und Demagogenhatz, gewährt den Provinzialständen mehr Rechte und fördert die Künste, vor allem die Baukunst. Doch der verspätete "Romantiker auf dem Thron" schwärmt fürs Mittelalter und verfängt sich im Wahn vom Gottesgnadentum. Von den Bewegungen, die im Lande reifen, begreift er nichts. Liberalismus, Nationalismus, Sozialismus und selbst Konservativismus gehen ihm über den Verstand. Er blockiert, was sich blockieren lässt, und stellt sich so dem Geist der Zeit selber entgegen. Trotzdem blühen die Ideen. Aus der Welt schaffen kann der König sie nicht, wohl aber kann er sie ärgerlich behindern und ihre Verfechter drangsalieren.