Frau Jenny Treibel

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Die Adlerstraße in Berlin-Mitte gibt es nicht mehr. Sie verlief in der Gegend des heutigen Außenministeriums und endete an der Jungfernbrücke. Hier, in gehobenem Kleinbürgermilieu, wohnt um 1890 Gymnasialprofessor Willibald Schmidt samt Tochter Corinna. Im Haus gegenüber, in einem Apfelsinenladen, lebte vor vier Jahrzehnten Jenny Bürstenbinder, ein hübsches Mädchen, für das Willibald schwärmte. Leider war er bloß ein mittelloser Akademiker. Jenny zog es vor, den reichen Fabrikanten Treibel zu ehelichen, darf sich längst Frau Kommerzienrat nennen und neureich benehmen. Ziemlich korpulent geworden, bewohnt sie eine teure Villa in der Köpenicker Straße. Corinna Schmidt ist hübsch, gebildet und ehrgeizig. Sie wird aufrichtig geliebt von ihrem Vetter Marcell, den sie aber abweist, da er ein mittelloser Akademiker ist. Sie erkennt, "alles möchte reich sein". Sie strebt ins Milieu der Treibels und versucht, Jennys jüngsten Sohn Leopold für sich zu gewinnen, was ihr problemlos gelingt.

Frau Treibel missfällt dies. Corinna ist ihr zu unbegütert. Also betreibt sie die Verbindung zwischen Leopold und Hildegard, Tochter des wohlhabenden Holzhändlers Munk. Leopold mag von seiner Neigung zu Corinna nicht lassen. Er schreibt ihr Briefe, die sie bald langweilen, denn sie sieht, Leopold ist leider etwas dumm, dümmer als sie selbst und dümmer als Marcell. Am Ende lässt sie Leopold laufen und heiratet ihren Vetter. Die Trauung begibt sich in der Nikolaikirche. Bei der anschließenden Feier sind Treibels zugegen. Man ist vertraut miteinander, doch die gesellschaftlichen Schranken bleiben strikt gewahrt.

"Frau Jenny Treibel" erschien 1892. Fontanes Roman ist voll antibourgeoiser Häme. In der Titelfigur porträtierte der Verfasser seine Schwester Jenny, Corinna ist nach dem Vorbild der Fontane-Tochter Mete gezeichnet, in Willibald Schmidt porträtierte Fontane sich selbst.