Der Oxfordprofessor J.R.R. Tolkien, Schöpfer der "Herr der Ringe"-Saga, hatte einst demonstrativ jede Verbindung zu Richard Wagners "Ring des Nibelungen" geleugnet: "Beide Ringe sind rund, und damit hat die Ähnlichkeit aber auch ein Ende."
Solange Tolkiens Mythengeschichten nur zwischen Buchdeckeln steckten, solange ihre fantastische Vergrößerung zu Bild und Raum nur in den heißen Köpfen jugendlicher Leser stattfand, mochte der ordentliche Zaun zwischen Opernwelt und Literatur noch den gewünschten Abstand garantieren. Seit aber Peter Jackson die Ringerzählung in die moderne Nachfolgekunst der großen Oper, das Kino mit Musik versetzt hat, ist die Verwandtschaftsfrage auf dem Tisch.
Niemand hat sie so geistreich gestellt wie jetzt Alex Ross in der Silvesterausgabe des "New Yorker". Wer das Glück hatte, Ross während seiner Berliner Zeit an der American Academy kennen zu lernen, der war bezaubert von der Mischung aus erzsolider Gelehrsamkeit und jünglingshaftem Charme. Wahrscheinlich gibt es zurzeit niemanden, der sich so souverän im politisch verminten Gelände der deutschen Musik- und Geistesgeschichte des 19./20. Jahrhunderts bewegt wie Ross.
Seine bei Wagner, Pfitzner und Strauss eingeübte Provokationslust lässt Ross jetzt fragen, ob uns Tolkien nicht ein X für ein U vorgemacht habe: Natürlich käme die Idee eines die Weltherrschaft schenkenden Rings nirgendwo sonst her als von Wagner. Die nordischen Sagas hätten dergleichen nicht geliefert, sondern die Ahnungen des späten 19. Jahrhunderts über ein heraufziehendes Zeitalter der Massenvernichtungsmittel und der weltumspannenden Informationstechnik.
Tolkien, der im Ersten und im Zweiten Weltkrieg die unheilige Allianz von deutscher Militärmacht und pseudo-teutonischer Ideologie erlebt hatte, war unglücklich über den Missbrauch des "Nordischen" bei den Nazis. Mit dem "Herrn der Ringe" hatte er vielleicht sogar so etwas vor wie eine politische Rettungsoperation für die von ihm geliebte Saga-Welt. In der Tat: Am Ende der Geschichte geben die Hobbits ihre Macht friedlich ab. Kein apokalyptisch brennendes Walhall, sondern die Rückkehr zum Gartenleben.
Tolkiens Mythos ist wie ein Fenster in unwirkliche Welten. Bei Wagner aber kann gar nichts gut ausgehen. Denn er erzählt eine hocherotische Familiengeschichte. Sein Ring entfesselt alle Dämonen der modernen Seele. Paradox genug ist es die alte Oper, die mehr erzählt über uns als das modernste Kino.

