Im Hörsaal mit Professor Rosenwinkel

Schon seltsam: Die Karriere von Berlins neuem Jazzprofessor begann mit einem Studienabbruch.

Schon seltsam: Die Karriere von Berlins neuem Jazzprofessor begann mit einem Studienabbruch. Die Hochschulleitung hatte gegen diesen Schritt allerdings nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil: Es war Kurt Rosenwinkels Dekan höchstpersönlich, der den Gitarristen von der Uni weg in seine Tourband engagierte. Gary Burton, der schon Pat Metheny entdeckt hatte, fand eben, dass der hoch talentierte Gitarrist Rosenwinkel mit 21 Jahren reif genug war, um das Bostoner Berklee College of Music vorzeitig zu verlassen - und mit ihm gemeinsam in den Jazzclubs aufzutreten.

Es wäre natürlich vollkommen verkehrt, wenn man Rosenwinkel, der im September seine Professur am Jazz-Institut Berlin angetreten hat, nun als schlechtes Beispiel für seine neuen Studenten bezeichnen würde. Findet der 1970 in Philadelphia geborene Gitarrist auch. "Zum einen: Als Musiker ist man mit dem Studieren niemals fertig. Man sollte immer nach dem höchstmöglichen Level streben", sagt Kurt Rosenwinkel. "Zum anderen: Ich wäre ein ziemlich schlechtes Vorbild für meine Studenten, wenn ich für immer in der Schule geblieben wäre und keine Karriere gemacht hätte."

Eine Karriere wohlgemerkt, die dazu geführt hat, dass Rosenwinkel von der Enzyklopädie "All About Jazz" mittlerweile als die "Zukunft der Jazz-Gitarre" gehandelt und in einem Atemzug mit Meistern wie Metheny, John Scofield oder Bill Frisell genannt wird. In der Tat hat der 37-Jährige zu einem eigenständigen Zugriff auf sein Instrument gefunden, der die Einflüsse der oben Genannten gleichzeitig reflektiert und in eine neue Richtung weitertreibt.

Dafür muss man sich nur die Alben anhören, die Rosenwinkel seit dem Jahr 2000 bei dem Renommier-Jazz-Label Verve, der Heimat von Größen und Bestsellern wie Wayne Shorter oder Diana Krall, herausgebracht hat. Beispielsweise die Aufnahme "Heartcore", auf der der Gitarrist mit elektronischen Verfremdungen arbeitet und trotzdem sehr warmen Jazzrock für die Gegenwart produziert. Oder die von der Kritik hoch gelobte CD "Deep Song", die Rosenwinkel im Post-Bop-Umfeld zeigt. Der Mann hat eine eigene Stimme, die sich nicht nur in seinen Legato-Linien und eigentümlichen Akkord-Schichtungen auf der Gitarre artikuliert: Er singt, während er spielt. Und zwar so natürlich und harmonisch, dass man zuweilen denken könnte, Rosenwinkel benutze da ein ganz eigentümliches Gitarren-Effektgerät.

Seit drei Jahren lebt und lehrt Rosenwinkel in Europa. 2004 nahm er eine Stelle in Graz an, von dort zog er jetzt mit seiner Familie nach Prenzlauer Berg. Er sehe sich nicht als strenger Professor, sondern eher als "Musik-Doktor", erklärt er: "Ich versuche, jeden Studenten gemäß seiner musikalischen Vorlieben und seiner instrumentalen Fähigkeiten zu behandeln. Ich möchte, dass er wächst und seinen selbst gewählten Weg nicht aus den Augen verliert."

Wie man mit gesundem Selbstbewusstsein ans musikalische Ziel gelangt, zeigen nun zwei Konzerte des Jazz-Instituts Berlin. Am 13. Dezember gibt Kurt Rosenwinkel seinen konzertanten Einstand in der Hauptstadt (bei Opel, Friedrichstraße 94, 19 Uhr, Eintritt frei). Tags drauf findet das erste Masterkonzert des Jazz-Instituts statt: Im Studiosaal der Hanns-Eisler-Hochschule (Charlottenstraße 55, 20 Uhr) präsentiert der Saxofonist Lorenz Hargassner die reifen Früchte seiner Lehrzeit. Auch ein abgeschlossenes Musikstudium kann manchmal ja Startpunkt für eine verheißungsvolle Karriere sein.