Wir werden unser "Dictionary of American Slang" an den New Yorker Verlag zurücksenden müssen. Denn das dicke Nachschlagewerk verweigert dem Wissbegierigen ein geradezu lebensnotwendiges Schlagwort. Nur gut, dass George Tabori uns das irritierende und lautmalerisch vielsagende Wort im Vorspann seines Textes erläutert. Dort heißt es: "Pffft (US-Slang): das Ende einer Affäre".
Ob die Affäre, um die es hier im verbalen Erguss eines Mannes geht, wirklich gegeben hat, muss dahingestellt bleiben - genau wie die Frage, ob es sich bei "Pffft oder Der letzte Tango am Telefon" um ein "Stück" im strengeren Sinne handelt. Tabori hat den Monolog eines (vielleicht) abgeblitzten Trieb- und Liebhabers schon 1981 geschrieben. Der Text lag gut zwei Jahrzehnte auf Eis, bis er veröffentlicht wurde. Jetzt hat Martin Wuttke ihn "auf ausdrückliche Bitte" des jüngst verstorbenen Weisen vom Schiffbauerdamm ebendort inszeniert - und gleich auch noch gespielt.
Unmissverständlicher Griff an die Hose
Um es gleich zu sagen: Diese Suada ist ein einziges komisch-verrückt-trauriges-obszön-liebevolles Kuddelmuddel, dessen rote Fäden der Zuschauer ebenso wenig entwirren wird wie der halbseidene Typ, der da eine gute Stunde auf einem Tisch inmitten des Publikums durch die Satzkaskaden turnt und schliddert. Das Laufstegmöbel ist fast so lang wie der Spielort, das Galafoyer des Berliner Ensembles. Wuttke hat sich einen antikischen Damenchor zu Hilfe gerufen, der ihn ebenso sprachkräftig in der Schilderung tollster Liebes-Verwirrungen unterstützt wie die Souffleuse. Dass diese ihm ausgerechnet mit "toujours l'amour" aus der Verlegenheit hilft, ist natürlich eine ausgemachte, gewissermaßen Taborische Finte.
Im flatterhaften Sommerkaro, unter wechselnden Wuschelperücken, stammelt, kräht und raunt dieser Kerl von seinen feuchten Träumen. Er rekelt sich lasziv wie die ferne Fernsprechteilnehmerin, deren Anruf er dringend erwartet. Er fuchtelt mit einem Revolver und macht prompt auch Peng, dass den Damen in Reihe Eins das Trommelfell wackelt. (Nicht nur) wo von Masturbation die Rede ist, langt er sich mit unmissverständlichen Griffen an seine Hose oder steckt auch schon mal das Mikrofon hinein.
Martin Wuttke, ein Körperspieler von Gnaden, moonwalkt und kniet sich in diese Textmasse; er flötet und wütet, bis sie ganz weich wird. Er pafft, was politisch natürlich ganz inkorrekt ist. Wuttke dirigiert ein ganzes Orchester aus Festnetzapparaten, die aus der hintersten Ecke und sogar von der Galerie traditionelle Klingeltöne versenden, wenn nicht gerade die Musikkonserve sich bei Stevie Wonder ("I just called to say I love you") oder dem Vierernachwuchs aus "Schwanensee" bedient. Irgendwann kreuzt sogar ein toller Tod mit Kapuze und Sense auf; ihm legt sich der lamentierende Lover schließlich mit finalem "Pffft" in die qualmenden Arme.
Der Zuschauer versteht nur Bahnhof
Denn ein bisschen Salz streut Tabori dann doch ins Getriebe. "Entschuldigen Sie, haben Sie einen schönen langsamen Zug nach Auschwitz?" lautet die Frage an die Bahn-Auskunft. Und der Chor arbeitet sich mit Stichsäge durch die Wand: "Es ist ernster, als wir dachten". Der Zuschauer hat ohnehin fortwährend Bahnhof verstanden, so ihm nicht ("Sie sind ein wunderbares Publikum!") Taboris Sinn für Unsinn, für Frust an der Lust, Lust am Frust diebisches Vergnügen bereitet.
Ein Stück? Aber nicht doch. Ein perfektes Spielalibi für einen erstklassigen Clown und Entertainer. Welcher Autor bittet Herrn Wuttke als nächster "ausdrücklich"?
Berliner Ensemble
Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Tel.: 28 40 81 55. Termine: 22.11. 22.30 Uhr, 2.12.. 16 Uhr, 21.12. 21.30 Uhr.
Pffft oder Der letzte Tango am Telefon
Bewertung 4


