Eigentlich steht Katja Oskamp viel zu fest im Leben, als dass man bei ihr irgendwelche Neurosen vermutet. Doch seit sechs Jahren mindestens hat die Berliner Schriftstellerin sozusagen eine Wiedergängerin: die Ich-Erzählerin Tanja Merz, eine Art Alter Ego, die das, was der Autorin widerfuhr, in deren Büchern noch einmal erlebt. Wie im Erzählungsband "Halbschwimmer", in dem Oskamp ihrer pubertierenden Heldin einen Vaterkomplex auf den Leib schreibt. Oder jetzt im Roman "Die Staubfängerin", in dem sie die junge Frau in der Ehe mit dem (20 Jahre älteren) Mann ihrer Träume statt die große Liebe einen veritablen Putzfimmel ausleben lässt und für den sie heute den Anna-Seghers-Preis erhält.

Bloße Therapie sind die Texte von Katja Oskamp trotzdem nicht, auch wenn sie sogar betont, dass es sich bei Tanja, "1,70 groß, 69 Kilo, Regieassistentin", um sie selber handelt. "Ich schreibe ja nur über Dinge, die ich überwunden habe", erklärt die 37-Jährige im Gespräch in ihrer Altneubauwohnung in Berlin-Weißensee, in der tatsächlich nichts mehr auf Putzzwang deutet, keinen krankhaften jedenfalls. In ihren Texten gelingt es Oskamp so nicht nur, auch ein Bild von Spät-DDR und Nachwende-Osten zu zeichnen. Tanja Merz' Zorn und Schmerz (um die verflossene Liebe), Ohnmacht und Ängste (um das frühgeborene Kind) so beklemmend wie ironisch zu literarisieren - das ist ihre Kunst.

Dabei hatte Katja Oskamp mit Schriftstellerei zunächst wenig im Sinn. Geboren 1970 in Leipzig und aufgewachsen in Ost-Berlin, steht für sie zwar früh fest, dass sie auf keinen Fall, wie es die linientreuen Eltern wünschen, FDJ-Sekretärin werden will. Doch bevor sie Jahre später am Literaturinstitut in Leipzig studiert, ist es das Theater, mit dem sie gegen NVA-Vater und Lehrerin-Mutter opponiert. "In der DDR eine absolute Gegenwelt", erinnert sie sich, "obwohl meine Sternchen letztlich dieselben wie die meiner Eltern waren."

Katja steht in pinkfarbener Hose an Bühneneingängen, schreibt ("Ich habe es übertrieben") Verehrerinnenbriefe, schuftet später wie ihre Romanheldin am Theater Rostock, wo auch sie ihren "GMD", den Generalmusikdirektor, trifft. "Das Reihenendhaus gibt es wirklich", lacht sie, genauso den Heimatverein, Ehe und Tochter. Nur dass es nicht in Staffenhagen, sondern in Kötschlitz, Sachsen-Anhalt, steht. "Jeden Tag 25 Minuten Autofahrt nach Leipzig. Jeden Tag 25 Minuten, um von Hausfrau auf Schriftstellerin umzuschalten."

Doch wie ist es, wenn man im Schreiben nicht nur auf sich, sondern auch das Umfeld, die Familie zurückgreift? Hat das, Stichwort Neurose, nicht auch mit Exhibitionismus zu tun? "Vielleicht, aber ich schreibe ja im Stillen und nicht vor Publikum." Katja Oskamp denkt nach. "Irritiert waren meine Eltern schon. Aber ein wenig Verunsicherung, das war auch ein Nebeneffekt, der mir gar nicht so unrecht war und der etwas bewirkt."

Nun also der Anna-Seghers-Preis, mit dem sie in eine Reihe mit bisherigen Preisträgern wie Jens Sparschuh und Ulrich Peltzer rückt. Stolz sei sie schon, und mit den 12 500 Euro Preisgeld wolle sie tun, wozu sie gedacht sind: ihr Schreiben finanzieren. Es geht weiter mit Tanja Merz? "Auf jeden Fall", antwortet Katja Oskamp salomonisch, "geht es wieder um Dinge, die mit mir zu tun haben."