Fünf Tage König von Albanien

Auch das Hochstapeln muss gelernt sein. Manchmal liegt es in der Familie, so bei den Wittes aus Berlin, die mehrfach zweifelhafte Berühmtheit erlangten.

Auch das Hochstapeln muss gelernt sein. Manchmal liegt es in der Familie, so bei den Wittes aus Berlin, die mehrfach zweifelhafte Berühmtheit erlangten. 1990 übernahm Norbert Witte den "Spreepark", 2001 musste er Insolvenz anmelden. Ein Jahr später setzte sich Witte nach Peru ab und versuchte 167 Kilogramm Kokain von Südamerika nach Deutschland zu schmuggeln - versteckt in einem demontierten Karussell.

Norbert Wittes Großvater, Otto Witte, hat es spielend zu höheren Würden gebracht. Dieser erfährt vom vakanten albanischen Thron, kündigt sein Eintreffen als verkleideter Kronprinz an - und wird König von Albanien. Andreas Izquierdo erzählt in "König von Albanien" (Rotbuch Verlag, 19,90 Euro) eben diese Episode des Schaustellers, Rumtreibers und genialen Hochstaplers Otto Witte.

1872 bei Dortmund geboren, lernte Witte in seiner Kindheit Zaubern und Wahrsagen und reiste mit einem Zirkus durch ganz Europa. Auf dem Balkan wurde er von Räubern gefangen, floh nach Afrika und kam 1912 in die Türkei. Auf sein Talent als Verstellungskünstler wurde der türkische Geheimdienst aufmerksam. Wieder in Deutschland, wurde er in Pankow bei Berlin ansässig.

Gegen seine Autobiografie "Fünf Tage König von Albanien" von 1932 erblasst selbst Karl May: In Abessinien schließt sich Otto einer Nil-Expedition an, auf einem Empfang lernt er dort die Tochter des Herrschers kennen, mit der er durchbrennen will. Doch endet seine Eskapade hinter Gittern, aus denen er sich als Artist befreien kann. Was uns allerdings Andreas Izquierdo von Otto erzählt, setzt seinem genialem Hochstaplerdasein die Krone auf. Im Jahr 1912 erfährt er in Konstantinopel, dass wegen der Kriegswirren auf dem Balkan die Albaner einen neuen König suchen. Zeitgleich entdeckt Otto seine Ähnlichkeit mit Prinz Halim Eddine, der als Thronfolger gehandelt wird.

Die Hochstapelei beginnt: Mit seinem Kumpan Max Hoffmann reist er nach Wien, lässt sich eine türkische Generalsuniform schneidern und telegrafiert nach Albanien, um sein Eintreffen anzukündigen. Zunächst "nur" als Prinz, um den Oberbefehl von zwei türkischen Korps zu übernehmen. Das Unglaubliche geschieht: Otto und Max geben sich als Prinz Eddine und sein Sekretär aus. Die Generäle salutieren, der Prinz nimmt Paraden ab und verspricht glorreiche Siege über die Feinde. Was seine Wirkung nicht verfehlt: Nach zwei Tagen wird ihm die albanische Krone angeboten, die er als "König Otto I." annimmt.

Nach fünf Tagen fliegt der Schwindel auf: Prinz Eddine lässt telegrafisch anfragen, wer in Albanien sein Unwesen treibt - er hatte Konstantinopel nie verlassen. Otto flieht, nicht ohne königlichen Schmuck mitzunehmen. An der Österreichischen Grenze wird er aufgelesen. Als sich Witte den Beamten als "ehemaliger König von Albanien" ausgibt, wird er in die Nervenheilanstalt eingewiesen.

Izquierdo lässt seine Otto-Witte-Geschichte in Salzburg, Konstantinopel und Albanien spielen. In Salzburg ist es der fiktive Nervenarzt Schilchegger, der sich Ottos Geschichte anhört und verspricht, sie aufzuschreiben. Anschließend entlässt er Otto als geheilt. Unglaublich.