Der Mann mit der Baskenmütze, der Bauchbinde und den Kringellöckchen im Bart war ein Unikum: Wolf Vostell hatte eine persönliche Ausstrahlung wie nur wenige Künstler. Er war politisch, ein Ästhet - und kritisch in jeder Hinsicht. Einer, der mitfühlte, mitdachte; einer, der Zivilcourage geradezu verkörperte. Seine Utopie war eine friedliche Welt, in der, wie er selbst sagte, "das Leben so einmalig und feinfühlig wie ein Kunstwerk" sein sollte.
Mit Künstlern wie Joseph Beuys und Nam June Paik als Weggefährten gründete er die Kunstrichtung "Fluxus", die "fließend" zwischen den Genres nach neuen Ausdrucksmitteln suchte. Mit Skulpturen wie dem einbetonierten Cadillac am Rathenauplatz machte er Furore, während seine Performances in Galerien betörend-provozierende Konzerte mit Destruktionen waren.
Als Vostell 1998 starb, hinterließ das ewige Enfant terrible der internationalen Kunstszene eine Lücke. Dieses Jahr wäre er, und zwar am 14. Oktober, 75 geworden. Seinem Galeristen Michael J. Wewerka ist das Anlass genug, eine Ausstellung mit selten gezeigten Vostell-Werken auszurichten. Die zeigen viel von dessen Weltverständnis. Da ist der "Priapismus im XX. Jahrhundert", der einen Raketentransport zeigt und das Aufrüsten im Kalten Krieg kritisiert. Da ist die schwarze Wolke, die der Künstler auf ein Foto von lachenden Alliierten-Soldaten zeichnete: "Berlin" heißt dieses wütende Werk von 1968.
Und da ist eine Serie aus bemalten Schwarzweiß-Fotos auf Aluminiumplatten, die erstmals öffentlich gezeigt wird. "El Tango de Hormigòn" beschwört die Vision einer Skulptur inmitten des Großstadtmolochs Buenos Aires: ein schemenhaft aufgezeichnetes Auto. Mit dem Berliner Beton-Cadillac hat das laut Wewerka aber nichts zu tun. Vielmehr geht es wohl um eine düstere Zukunftsvision, in der die Dinge, die unsere Städte beherrschen, nicht mal mehr greifbar sind.
Doch Vostell wäre nicht Vostell gewesen, hätte er nicht stets das Prinzip Hoffnung gegen die Befürchtungen gesetzt. So verströmt der "Entwurf für den Potsdamer Platz" von 1991 neben Bitternis auch Mutterwitz: Eine riesenhafte Spirale bohrt sich in den Boden, bevor Wolkenkratzer empor wachsen. Auch die wilden Performances ("Fluxuskonzerte"), in denen Klaviere mit Bohrmaschinen malträtiert wurden, entbehrten nicht der Komik und der Aufbruchstimmung. Da malt sich ein nackter junger Mann mit Farbpigmenten an, als probiere er Hautcremes. Bemerkenswert auch ein Portrait von 1984. Es zeigt den Galeristen Wewerka, ein Kameraobjektiv ersetzt darin das linke Auge. Ein größeres Kompliment konnte Vostell wohl kaum machen: Demnach ist Wewerka ein wirklich Sehender.
Galerie M. J. Wewerka
. Budapester Str. 2 a. Bis 17. 11. Di-Fr 11-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr.

