Die Neuübersetzung des katalanischen Klassikers "Solitud" liegt rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse auf dem Tisch. Hinter dem Pseudonym Victor Català verbirgt sich eine Frau: Caterina Albert i Paradis. Sie lebte von 1869 bis 1966 - wurde also fast 100 Jahre alt - lebte abgesehen von einigen Reisen fast immer im Fischerdorf L' Escala, 120 Kilometer nördlich von Barcelona. Català/Albert verfasste Gedichte, Essays, Erzählungen und zwei Romane, darunter 1905 die hier in einer neuen Übersetzung vorliegende Geschichte der jungen Mila, die mit ihrem Mann Matias eine Einsiedelei in den Pyrenäen bewohnt.

Schon bald entpuppt sich Matias als Taugenichts; er stromert herum, verhökert Devotionalien aus der zur Einsiedelei gehörenden Kapelle, tut sich mit dem Wilderer L'Anima zusammen, einem unangenehmen Gesellen, und verfällt der Spielsucht.

Mila tröstet sich mit der Gesellschaft des Schäfers Gaietà, ein sprechender Name ("Fröhlichkeit"), denn Gaietà findet immer das richtige Wort für die depressive Mila. Diese Geschichten, nach Art volkstümlicher Legenden erfunden vom Schäfer, also der Autorin, haben eine zentrale Bedeutung im Roman. Sie bringen der verängstigten Flachländerin Mila die abweisende Bergwelt näher, personalisieren die Natur und laden sie mit Bedeutung auf. Überhaupt schildert "Solitud", wie Zacken und Schluchten, Grate und Gipfel ihren Schrecken verlieren. Gefahr droht Mila von den Menschen, ihrer Habgier und Herzensträgheit. Symbolisch verdichtet Català die moralische Spannweite ihres Personals im antagonistischen Paar Gaietà - L'Anima. Der Wilderer stürzt den Schäfer in den Tod und vergewaltigt Mila.

Diese schnürt im letzten Kapitel ihr Bündel: Sie verlässt Mann und Gebirge und macht sich auf den Weg in ein neues Leben. Ein Emanzipationsroman ist das noch nicht, aber eine für ihre Zeit bemerkenswerte Studie weiblicher Psychologie, inklusive der unausgesprochenen und unbegriffenen sexuellen Impulse - nicht nur deshalb war er in der Franco-Zeit verboten. Man versteht, dass sich nahezu alle katalanischen Autorinnen auf Victor Català berufen.