Der langjährige Direktor der Berliner Nationalgalerie (Ost), Willi Geismeier, ist tot. Der 1934 in Halle/Saale geborene Kunstwissenschaftler ist bereits am 2. August im Alter von 73 Jahren an Herzversagen gestorben. Generaldirektor Peter-Klaus Schuster lobte gestern Geismeiers Qualitätsgefühl und Zivilcourage in Bezug auf seine Museumslaufbahn.

Unter Geismeiers Leitung, der seine Dissertation über den Maler Caspar David Friedrich in Leipzig geschrieben hatte, sind große Ausstellungen zur Geschichte der deutschen Kunst im 20. Jahrhundert entstanden, darunter "Realismus und Sachlichkeit. Aspekte deutscher Kunst 1919-1933".

Durch Neuerwerbungen von Werken des Expressionismus, der Bauhaus-Künstler, der Neuen Sachlichkeit sowie der "proletarisch- revolutionären" Kunst hat Geismeier die in der NS-Zeit zerstörte Sammlung der Moderne zum Teil wieder aufgebaut.

Spätere DDR-"Staatskünstler" wie Willi Sitte und Werner Tübke nahm Geismeier zusammen mit anderen Kulturschaffenden mutig gegen die stalinistischen Vorwürfe des "Formalismus" und der "westlichen Dekadenz" während seiner ersten Amtszeit von 1966 bis 1975 in Schutz. Auch gelang es ihm damals, in weiser Voraussicht, den Ausverkauf des DDR-Staates abzuwehren und Museumsgut aus verschiedenen Häusern gegen gute Devisen auf dem westlichen Markt zu "verscheuern".

Als Folge der Konflikte mit dem DDR-Kulturministerium wurde Willi Geismeier abgelöst und mit einem Forschungsvorhaben abgefunden. Zeit genug gab es und so entstanden zwei wichtige Publikationen wie "Biedermeier" und "Die Malerei der deutschen Romantiker".

Auch in seiner zweiten Amtsperiode von 1983 bis 1985 gelang dem leidenschaftlichen wie kompromißlosen Kunsthistoriker keine Einigung mit der DDR-Bürokratie über ein tragfähiges Konzept für die Nationalgalerie. Es lag nicht an ihm. Seine Ideen schienen wohl zu offen für die engstirnigen Kulturbonzen, die ganz anderes im Sinnhatten.

Wieder musste er gehen. Nun aber übernahm er ein Lehramt an der Humboldt-Universität, das er bis 1999 innehatte. Die Studenten profitierten von ihm, den Museumsleuten fehlte der zielstrebige Wille Geismeiers. Willi Geismeier lebte bis zu seinem Tode in Pankow.

GW.