"Die Meistersinger sind lustig"

"Es war, als hätte mich Hollywood angerufen", erinnert sich Sebastian Weigle. Vor drei Jahren hatte er plötzlich den Bayreuther Festspiel-Patriarchen Wolfgang Wagner am Telefon.

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"Es war, als hätte mich Hollywood angerufen", erinnert sich Sebastian Weigle. Vor drei Jahren hatte er plötzlich den Bayreuther Festspiel-Patriarchen Wolfgang Wagner am Telefon. Der lobte ihn als ausgewiesenen "Meistersinger"-Dirigenten und bot ihm die Inszenierung seiner Tochter Katharina Wagner an. Er habe zugesagt, meint Weigle, ohne vorher Luft zu holen. Heute ist es nun soweit: Die Richard-Wagner-Festspiele werden mit Katharina Wagners Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" eröffnet. Es ist ein besonderes Ereignis, denn die Urenkelin des Komponisten-Genies gibt damit ihr Regiedebüt im Festspielhaus. Es ist ihre Visitenkarte als mögliche neue Herrin auf dem Grünen Hügel. Die Wagner-Welt schaut dieser Tage gespannt auf Bayreuth. Weigle sprach gestern nach der Probe von einer "leicht vibrierenden Aufregung".

Es geht auch um etwas - und Weigle ist gewissermaßen der Dirigent des Neuanfangs. Ob der gebürtige Berliner, Jahrgang 1961, über die heutige Premiere hinaus ein Gefolgsmann der nächsten Wagner-Generation wird, ist schwer zu sagen. Aber die beiden duzen sich und sind vertraut aus alten Assistenten-Zeiten. Bereits 1997 war Sebastian Weigle in Bayreuth als Assistent von Daniel Barenboim bei dessen Proben zu den "Meistersingern". Die Regie stammte damals von Wolfgang Wagner. Aus dieser Zeit kennt Weigle Tochter Katharina, die mittlerweile 29-Jährige und in Berlin lebende Regisseurin.

Die witzigste Oper von Wagner

"Sie kennt den Text", sagt Weigle, "und weiß ganz genau, wo was herkommt." Die Probenarbeit beschreibt er als außergewöhnlich kollegial und inspirierend. Für ihn sind die "Meistersinger", die er zuvor bereits in Berlin, Wien und Mannheim dirigiert hat, "die witzigste Oper von Wagner. Über die soll man lachen." Lachen kann er auch gemeinsam mit der Regisseurin. Katharina Wagner verfügt bekanntlich über einen sehr trockenen fränkischen Witz, Weigle über den direkten Berliner Plauderhumor. Das scheint irgendwie zu passen.

Weigle erzählt ein Beispiel. Beide würden sich auch abends nach den Proben noch in Bayreuther Lokalen treffen, um über die Produktion und den Rest der Welt zu reden. Irgendwann meint Katharina, es wäre doch unnormal, dass sich ein Dirigent und ein Regisseur außerhalb der Proben noch etwas zu sagen hätten. Das kann Weigle nur freundlich bestätigen. Aber sie müsse ihn doch jetzt nicht fortschicken, sagt daraufhin Katharina Wagner.

Als Dirigent ist Sebastian Weigle ein Quereinsteiger. Ursprünglich studierte er an der Ost-Berliner Musikhochschule "Hanns Eisler" Horn, Klavier und Dirigat. Schließlich spielte er gut anderthalb Jahrzehnte als Solohornist in der Staatskapelle im Opernhaus Unter den Linden. Aber dann drängte ihn die Familie heraus aus dem Orchestergraben nach Höherem. Die Weigles sind, beiläufig angemerkt, auch ein Musikerclan. Sein Vater war Landeskirchenmusikdirektor von Berlin und Brandenburg; sein Onkel Jörg-Peter Weigle war Chefdirigent der Dresdner und später der Stuttgarter Philharmoniker, bevor er in Berlin eine Professur an der Eisler-Hochschule antrat; Bruder Friedemann ist als Bratscher Gründungsmitglied des Berliner Petersen-Quartetts.

Als seinen Mentor bezeichnet Sebastian Weigle eindeutig und voller Ehrerbietung Daniel Barenboim. Bei ihm an der Staatsoper war er von 1997 bis 2002 Erster Kapellmeister. Noch heute rufe er zuerst Barenboim an, wenn er einen Rat brauche. Seit 2004 ist Weigle Generalmusikdirektor im Gran Teatre del Liceu in Barcelona. Seine Wohnung in Berlin-Mitte hat er behalten, auch wenn er nur noch selten hier ist und in der Stadt dirigiert. An der Staatsoper hat er gerade vier Vorstellungen "Fidelio" im kommenden Jahr und Dirigate beim Konzerthausorchester zugesagt.

Bekenntnis zur deutschen Oper

Ab der Spielzeit 2008/2009 wird er Chef an der Oper Frankfurt. Weigle bekennt sich - wie auch andere Dirigenten seiner Generation, etwa Ingo Metzmacher oder Christian Thielemann - zum deutschen Fach. "Es gibt immer weniger deutsche Dirigenten an deutschen Häusern", sagt Weigle, "und ich finde, wenn man eine Affinität zur hochromantischen Oper hat wie ich, gehört man nach Deutschland." Neben dem deutschen Repertoire fühle er sich insbesondere zur russischen Musik hingezogen, fügt Weigle hinzu. Und natürlich denke er auch an die Moderne. Ganz festlegen lassen will er sich also nicht.

Und in Sachen Bayreuth hat er sich vorher gut beraten lassen - auch vom Berliner Dirigenten Christian Thielemann, der vor ihm mit den Wagnerschen im Festspielhaus so seine Erfahrungen gesammelt hat. Ein Debüt in der Gralsburg der deutschen Oper will gut vorbereitet sein.