Kein Klassik-Künstler zieht im Augenblick die Massen ähnlich magnetisch in den Bann wie die beiden smarten Sänger-Stars Anna Netrebko und Rolando Villazón. Zum Start ihrer Deutschland-Tournee, die sie am 22. August auch in die Philharmonie nach Berlin führt, hatten sich über zehntausend Besucher in den Hamburger Derby Park gedrängt, um das derzeit begehrteste Gesangs-Duo der Opernwelt zu erleben. Selbst aus Süddeutschland und der Schweiz waren Fans nach Hamburg gereist, um den bis in die Pop-Charts aufgestiegenen Künstlern von Arien-Hit zu Arien-Hit stürmischeren Beifall zu zollen. Begleitet wurden die beiden vom Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Marco Armiliato.

Mit ihrer blendenden Erscheinung, ihrem Temperament und ihren Prachtstimmen und sängerischen Qualitäten können die 35-jährige Russin und ihr gleichaltriger Partner aus Mexiko tatsächlich als "Traumpaar der Oper" figurieren. Alle romantischen Klischees inbegriffen, gegen deren Verwertung bisher keiner von ihnen ernstlich Veto eingelegt hätte. Seit sie bei den Salzburger Festspielen mit ihrer "Traviata" Aufsehen erregten und mit ihrer Berliner "Manon" und Münchner "Bohème" ihren Erfolg steigerten, wissen die beiden natürlich um ihren gemeinsamen Marktwert und - dessen Vergänglichkeit. So suchen sie ihren Ruhm auch in den Stadien und Konzert-Arenen dieser Welt beizeiten einzufahren.

Für den billigen, plakativen Effekt sind sie deshalb aber keineswegs zu haben. Das zeigte sich bei der Hamburger Arien-Revue allein schon daran, dass man nicht nur auf die Highlights aus einschlägigen französischen, italienischen, russischen Opern spekulierte, wie die berühmten Duette aus Bizets "Perlenfischer" oder Verdis "Traviata", sondern auch Unbekannteres, etwa aus Tschaikowskys "Jolanthe", sang. Und dabei stets bedacht war, die Stimmen nicht nur kraftvoll und brillant vor dem Mikro aufzudrehen, sondern ihnen - durchaus riskant bei den heiklen Open-Air-Klangverhältnissen - auch sanfte, feinst gesponnene Piano-Wirkungen zu entlocken.

So wurde selbst Netrebkos "Casta Diva"-Flehen aus Bellinis "Norma" zum bezwingenden Erlebnis. Doch gingen auch bei Villazóns Solo-Auftritten große Emotion und künstlerisches Kalkül eine aufregende Liaison ein. Der Mexikaner liebt es, bis an die Grenze seiner veristischen Ausdruckskraft zu gehen. So auch hier beim mitreißend gesungenen südamerikanischen Repertoire eines Carlos Gomes. Aus solchen Extremzonen tragischen Gefühls fand Villazón jedenfalls schwerer heraus als seine Partnerin, die für die Zugaben ganz ohne Hemmung ins Reich des schmachtenden Léhar'schen Operettenglücks umstieg - mit ihrem "Meine Lippen, die küssen so heiß", dem Villazón - beifallsumwogt - "Dein ist mein ganzes Herz" entgegensetzte. dpa