Er ist gekommen, um zu siegen. Er ist angetreten, für jeden einzelnen in dieser mächtigen Masse Mensch da zu sein. Und irgendwie ist ihm das auch tatsächlich gelungen. So sperrig und grüblerisch auch manch ein Song von Herbert Grönemeyer auf Platte quälen mag, so ungebremst gefühlvoll, so haltlos lustbetont klingt die Musik des 51jährigen im Konzert, einer Kunstform, die der Musiker und Sänger, Entertainer und Schauspieler aus dem Effeff beherrscht. Die mehr als 64 000 Fans im Berliner Olympiastadion erlebten jetzt für nahezu drei Stunden eine der imposantesten Bühnenpersönlichkeiten, die dieses Land hervorgebracht hat.

Sprechchöre und La-Ola-Wellen

Ganz unspektakulär beginnt der stimmige Abend im noch hellen Tageslicht. Nachdem das Publikum sich zuvor schon mit Sprechchören und La-Ola-Wellen eingestimmt hatte, verfällt es in jubelnde Euphorie, als Grönemeyer auf die gewaltige Bühne steigt und sich strammen Schrittes auf den weiten Weg über einen bis in die Stadionmitte reichenden Laufsteg macht. Am Piano inmitten der Menge eröffnet er mit dem neuen Lied "Leb in meiner Welt", erst allein, dann stimmt seine Band mit ein und bald steigt die gefühlte Temperatur im Stadion auf über 40 Grad - und die Hitze wird mit "Kopf hoch, tanzen" weiter am Kochen gehalten.

Er redet nicht viel. Dafür findet er die Atmosphäre im Olympiastadion, vor dem er, wie er sagt, schon einigen Respekt habe, immer wieder "gigantisch!", "unglaublich!", "hinreißend!", "wahnsinnig!". Der Mann ist im tiefsten Innern ein Rock-'n'-Roller und hat einen Höllenspaß da oben, tanzt, hüpft, stampft und breitet immer wieder beseelt die Arme aus wie Leo DiCaprio am Bug der Titanic. Er ist ganz in seinem Element, unter glücklichen Leuten, die ihm an den Lippen hängen, die jeden noch so unverständlich scheinenden Text lauthals mitsingen. Vernuscheln gehört bei Grönemeyer eben zum Handwerk. Er behandelt Worte wie ein Jazzmusiker das Saxophon, er dehnt sie, knetet sie, kaut auf ihnen herum, spuckt sie aus und erschafft eine Poesie, die bei anderen nur wie ein schnöder Husten klingen würde. Wie der Typ es schafft, Musik und Wort im Konzert zu einer fließenden Einheit werden zu lassen, ist phänomenal.

Die Bühne ist riesig, das Licht bei einbrechender Dunkelheit eindrucksvoll, doch außer einer gewaltigen Videowand, die die ganze Rückseite einnimmt, wird wenig Showbrimborium aufgefahren. Im Mittelpunkt steht die Musik, stehen die neuen Lieder und alten Erfolge, von denen er "Musik, nur wenn sie laut ist", "Bochum" oder "Alkohol" schon früh im Programm hat. Auch "Männer", "Was soll das" oder "Flugzeuge im Bauch" werden später noch folgen. Grönemeyer singt und spielt sich all den Ärger, der ihn nach dem G-8-Gipfel von Heiligendamm überkommen hat, von der Seele. Und Berlin liegt ihm zu Füßen. Jene Stadt, in der er sich, wie er immer wieder betont, am wohlsten fühlt. Zwar wohnt Grönemeyer seit vielen Jahren in London, hat aber vor kurzem erst sein heimisches Tonstudio von der Themse an die Spree, in sein Haus in Zehlendorf, verlagert.

Im Stadion wird indessen lauthals gesungen. Mitunter klingen die Fans intensiver als die Band samt Streichergruppe. Und Grönemeyer stachelt immer wieder an, bei "Mensch" beispielsweise mit gescatteten Wechselgesängen, bei denen Zehntausende immer wieder dezibelgeladen herrlichen Unsinn wie "BabababaBerlin" oder gar "KnuKnuKnuKnuKnut" skandieren. Grönemeyer wedelt dabei mit einem Eisbären-Stofftier. Selbst die ungeliebte Fußballhymne "Zeit dass sich was dreht" wird zu einem sportlichen Höhepunkt der Show.

Balladen von Liebe und Verlust

Mucksmäuschenstill allerdings wird es bei den Balladen. Grönemeyer erzählt vom Zynismus des Westens, der Mittel gegen HIV besitze, sie aber in seiner Arroganz nur einem Fünftel der Menschen, die es in Afrika benötigen, zur Verfügung stelle. Er hat dies in der schmerzvollen Ballade "Marlene" verarbeitet, einem Lied über Liebe und Verlust. Auch "Mein Weg" ist ein zutiefst bewegender Song über den Abschied von einem geliebten Menschen.

Grönemeyer ist ein Musiker, der polarisiert. Durch seine Offenheit bietet er auch genügend Angriffsfläche, um falsch verstanden zu werden. Das scheint ihm, zumindest hier unter Freunden, ziemlich egal zu sein. Er weiß, dass sein Engagement zur Bekämpfung der Armut in der Welt verstanden wird. Er weiß, dass sein Publikum zu ihm steht. Er liebt die Menschen, solange es nicht Politiker oder Potentaten sind. Und er rockt, was das Zeug hält, reißt wieder die Arme auseinander, als wolle er gleich jeden einzelnen Fan ans Herz drücken.

Die Soundqualität ist nicht ideal im Stadion. Er spiele auch nur hier, weil die neue Bühnenshow so groß ist. "Die wollten wir euch einfach zeigen", sagt er. "Aber nächstes Mal spielen wir wieder in der Waldbühne." Mit "Liebe liegt nicht" geht der Abend ins Finale, doch für drei lange Zugabenblöcke kehren Grönemeyer und seine versierten Mitstreiter noch einmal zurück und baden im Glücksgefühl, das durch die Fußballarena strömt. "Das ist ein Abend zum Verlieben" schwärmt Grönemeyer. Wie Recht er hat.