Damien Rice erfüllt alle Kriterien eines Songwriters, der sein blutendes Herz auf der Zunge trägt. "Der Spiegel" nennt den Iren "Godfather der Melancholie". Seine Fans rund um den Globus quittieren die Erwähnung seines Namens etwas unprosaischer mit Lauten wie zum Beispiel einem genießerischen: "Mmm, ja der !" - und dann seufzen sie.

Seufzen ist wahrscheinlich ohnehin die adäquateste Art, um die Musik des Damien Rice zu beschreiben. Während heutzutage jeder Gitarrenbarde das Etikett "der neue Nick Drake" auf die adoleszent verschwitze Stirn gepappt bekommt, entspricht Rice tatsächlich dem Bild eines jungen Mannes, der sich nach einer Abfuhr im Pub bis zum Morgengrauen auf die Knie wirft. Der gegen die Wand singt und der bei Tagesanbruch endlich halbzufrieden einschlafen kann. Du brichst mir das Herz - und ich sing dich in Grund und Boden. Lieder als Pflaster.

Eine Bühne voller Kerzen

Berlin-Kreuzberg, Columbiahalle: Ein Damien-Rice-Konzert ist eine folkloristische Aussöhnung mit dem Problem Mensch. Herzschmerz verbindet. Eben noch Fremde teilen Zigarette und Bier, Hände finden sich. Die Bühne ist voller Kerzen. Rice trägt labberige Baumwollhosen, eine Reminiszenz an seine Zeit als Gemüsebauer in der Toskana oder Gitarrenbarde auf den Straßen Europas.

Doch bereits der erste Song offenbart, warum Rice kein Harmloser ist. Und nicht durchgängig zum Beischlafsoundtrack taugt. "Me, my Yoke and I" vom aktuellen Album "9" ist ein kreischend lautes Monster. Die Fans erschrecken ein wenig und dann tanzen sie. Und jubeln trotzdem. Rice blickt etwas erschrocken und singt im Anschluss die ganz zarte, ganz traurige Trennungsballade "Cannonball". Er verlässt das Mikrofon und dirigiert den Publikumschor. Es wirkt wie eine Persiflage auf die gemeinen Stadienrocker.

Rice ist einer, der unbedingt geliebt werden will, doch sobald die Liebe ihn als Erfolg verkleidet anblinkt, muss er sich übergeben. Nach dem Überraschungserfolg seines Debüts "O" beschloss er, eine vierjährige Auszeit zu nehmen und nie mehr mit Journalisten zu reden. Und wer ihn leibhaftig will, muss seine Zerrissenheit ertragen - auf schnell folgt extrem langsam, auf leise das laute Bandfinale. Hauptsache, nicht gefällig.

Verworrene Reden zwischendurch

Rice spielt die B-Seiten lieber als die Hits und lässt Sängerin Lisa Hannigan bei der wunderbaren Single "9 Crimes" am Mikrofon glänzen, während er sich hinter dem Piano versteckt. Wenn er zum Publikum spricht, erzählt er verworrenes Zeug von Vätern, Mädchen und von Badewannen. Seine Texte sind eindeutiger. Es sind Miniaturgedichte von "Ich" bis "Du" - im Kosmos zwischen "Fuck!" und "I just can't Take my Eyes of You". Ein singender Narzisst, der seiner selbst müde ist. Zum Weinen und zum Schreien reicht es allemal.

Es ist ein furioses Konzert und doch fühlten sich Sänger und Liebhaber wohler, als Rice noch in kleinen Klubs spielte, mit den Fans zusammen Bier trank und Wunschkonzerte bis nach Mitternacht gab. Romantische, leicht dusselige Nostalgie. Hinterher ist man ein bisschen traurig und für einen Moment ein Stück menschenwilliger. Love hurts. Doch der Schmerz ist der Dosenöffner des Herzens.