In den 60er-Jahren war Françoise Hardy Frankreichs größter Popstar. Noch heute ist sie eine der wichtigsten Sängerinnen des Landes. Johanna Schmeller sprach mit ihr über das neue Album "Paranthèses", Mick Jagger und das Gefühl von Glück.
Berliner Morgenpost: Bonjour, Ma...
Françoise Hardy: Sie sind die zehnte Journalistin heute. Machen Sie schnell, sonst verpasse ich meinen Zug. Ich muss zurück nach Paris.
Bonjour, Madame. Man sagt, Sie sprechen großartig deutsch.
Non, non, non. Bei manchen Ihrer Kollegen habe ich nicht einmal die Fragen verstanden. Wir sprechen französisch.
Schnell und französisch - in Ordnung. Aber früher haben Sie sogar auf Deutsch gesungen.
Ja. Früher. Ich höre auch gern Deutsch, die Sprache ist nämlich wunderschön. Sie ist viel melodischer als Französisch.
Ausgerechnet melodischer?
Natürlich! Französisch hat keine stimmhaften Akzente, Deutsch dagegen viele Silben, Worte, sogar Sätze, auf denen man sich ausruhen kann. Das gibt der Sprache Rhythmus. Das Französische ist doch kein bisschen rhythmisch!
Auf Ihrem neuen Album "Parenthèses" gibt es ein Stück, in dem Sie die Pianistin Hélène Grimaud begleitet.
Ich verehre diese Frau in jeder Hinsicht. Eine gemeinsame Freundin hat uns einander vorgestellt, vor sieben Jahren. Ich wollte schon immer mit ihr arbeiten. Aber ich konnte mir beileibe nicht vorstellen, dass es etwas an meiner Arbeit gibt, das sie interessiert.
Wie kam es dann doch zur Zusammenarbeit?
Hélène schrieb mir eine kurze Mail, doch ich war voller Selbstzweifel. Ich konnte sie doch nicht einfach so anrufen - wie irgendeine beliebige Studiopianistin!
Sie haben sich für die Adaption eines Brahms-Stücks entschieden.
Ich wollte ihr möglichst weit entgegenkommen. Hélène hat das Stück zunächst allein eingespielt, sie ist oft unterwegs. Als ich es mir angehört hatte, zögerte ich erst recht, meinen Gesang darüber zu legen. Ich hatte das Gefühl, alles zu verderben, wollte nicht, dass man mich lauter hört als Hélènes wundervolles Klavier.
Sind Sie mit dem Resultat etwa nicht zufrieden?
Ehrlich gesagt habe ich immer noch Komplexe. Aber dass Hélène zur Zusammenarbeit bereit war, betrachte ich als Geschenk.
So viel Selbstkritik erwartet man nicht, wenn man bedenkt, dass Sie im Frankreich der 60er-Jahre das Idol einer ganzen Generation waren. Mick Jagger hat damals gesagt, Sie seien die schönste Frau der Welt!
Das stimmt. Für mich war er der attraktivste Mann der Erde, und er sagte dasselbe von mir. Aber ganz ehrlich: Da war nie was zwischen uns!
Warum eigentlich nicht?
Ach, er lebte in London, ich in Paris, wir reisten beide viel. Es hat einfach nicht geklappt. Außerdem war ich sehr naiv: Ich wusste doch nicht mal, was Drogen sind!
Na ja, das hätte man ja leicht herausfinden können.
Schon. Aber als er sich von seiner Verlobten getrennt hatte, suchte er sich sofort eine andere: Marianne Faithful. Die entsprach ihm offenbar mehr als eine wie ich.
Was ist Ihnen besonders wichtig, wenn Sie singen?
Der Text ist unwichtig, die Melodie geht mir über alles. Meist bin ich enttäuscht, aber ich bin eben auch überkritisch.
Sie sind seit 40 Jahren eine der erfolgreichsten Musiker und haben einen Sohn, der auf Ihrer aktuellen CD auch zu hören ist. Entspricht das Ihrer Vorstellung vom vollkommen perfekten Glück?
Es macht Angst, wenn man anfängt zu begreifen, dass man älter wird, die Gesundheit nicht mehr selbstverständlich ist. Solange man jung ist, hält man sich zu viel mit der Liebe auf. Man leidet ständig und ist sehr auf sich selbst zentriert. Sobald man davon befreit ist, kann man endlich sehen, was um einen herum passiert: die Natur. Ich liebe Spazierengehen im Bois de Bologne. Aber am glücklichsten bin ich, wenn ich mit meinem Sohn essen gehe, und eine gute Flasche chilenischen Wein aufmache.
Chilenischen Wein? Das sagen Sie? Als Französin?
Früher habe ich nur Bordeaux getrunken, aber der wird immer schlechter. Ich habe schon oft Flaschen zurückgehen lassen. Gestern hatte ich einen tollen chilenischen Wein, keine Ahnung, wie der hieß, auf jeden Fall habe ich mir zu viel einschenken lassen.
Haben Sie Idole?
Mick Jagger gefiel mir als Mann. Ihn fand ich verführerisch, früher. Heute allerdings - pah! Wenn Sie mich fragen, wen ich für den besten Musiker der Welt halte, ist die Antwort klar: meinen Mann, Jacques Dutronc. Und zu dem fahre ich jetzt auch.

