Die Berliner Philharmoniker feiern in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen. Am 1. Mai findet das Jubiläumskonzert unter Sir Simon Rattle statt. Mit einer Serie widmet sich die Berliner Morgenpost in loser Folge der Geschichte des Orchesters. Heute geht es um den ersten Dirigenten.

Keine Frage: Ludwig van Beethoven, der kindliche Schmetterlingsfänger als Mörder bezeichnete, und der bekennende Vegetarier Richard Wagner, sie würden heute wohl grün wählen. Ihre Tierliebe und Naturverehrung ist seit langem bekannt. Pünktlich zum 125-jährigen Jubiläum gerät jetzt aber auch die Gründungsformation der Berliner Philharmoniker in Verdacht. Und das ist einigermaßen neu.

Das erste Konzert der Philharmoniker am 5. Mai 1882 leitete nämlich Ernst Rudorff, seines Zeichens Leiter der Klavierklassen an der Königlichen Musikhochschule und des Stern'schen Gesangsvereins. Mit diesem Chor wurde auch der Inauguralauftritt bestritten im Saal der Singakademie, dem heutigen Gorki-Theater. Auf dem Programm: Beethovens "Ruinen von Athen" und eine Kantate des vollständig in Vergessenheit geratenen Arno Kleffel. Auch an den Dirigenten und Komponisten Ernst Rudorff erinnert sich heute niemand mehr, zumindest nicht in der Musikszene. Überlebt hat er nur als Gründer des Naturschutzes in Deutschland.

Der romantischen Musik verpflichtet

Rudorff wurde 1840 geboren, und zwar in Berlin wie Wackenroder und Tieck, die Ahnherren der deutschen Romantik. Zusammen mit E. T. A. Hoffmann, der Musik als die "allgemeine Sprache der Natur" definierte, legten sie den philosophischen Grund für die Aufwertung der Instrumentalmusik im 19. Jahrhundert zu Metaphysik, zu Religionsersatz und spekulativer Welterkenntnis. Im Hause von Rudorffs Eltern und Großeltern verkehrte, mit Ausnahme einiger Linkshegelianer, die gesamte Spree-Spiritualität, darunter Schinkel, Zelter, Schleiermacher, Savigny, Brentano, Grimm und Tieck.

Aufgewachsen ist Rudorff aber im vormodernen, weitestgehend unberührt gebliebenen Weserbergland. Er verglich das Verhältnis der Hannoverschen Hügelwelt zur preußischen Residenz mit der Beziehung von Arkadien zu Athen. Auf den Besitzungen der Familie in Lauenstein am Ith schuf er ein ökologisches Musterländchen, doch befriedigte ihn dieses Freiluftmuseum en miniature nicht restlos. Ab 1878 vergrößerte er seinen Aktionsradius. Er kämpfte in Zeitungsartikeln und Büchern gegen die "wahrhaft beklagenswerte Verunglimpfung unseres schönen Vaterlandes" durch Flurzusammenlegungen und Flussverschmutzungen, Talsperren und Eisenbahnlinien, Grundstücks- und Bauspekulation sowie Massentourismus.

Den Protest begleiteten unüberhörbar völkische Untertöne, weswegen sich später die Nazis gern auf Rudorff beriefen. 1938 konnte sogar seine Familien-Biographie "Aus den Tagen der Romantik" erscheinen - gereinigt von fast allen jüdischen Namen (der Frankfurter Campus-Verlag wird im Mai den Urtext veröffentlichen). Rudorff war erklärter Antisemit und zugleich mit Juden befreundet. Seine Publikationen zur Umweltproblematik sind aber keineswegs Hetzartikel.

Er prägte den Begriff Heimatschutz

Bereits 1897 prägte Rudorff das Wort "Heimatschutz" in einer ausführlichen Darstellung seiner Gedanken und Forderungen. "Heimatschutz fordern wir", so beginnt auch der Gründungsaufruf von 1903; "einen fremden Eindringling zwar haben wir nicht zu befürchten, wohl aber die einheimischen Vandalen." Die Gesinnung, die der Globalisierungsgegner Rudorff bekämpfte, hieß allerdings schon damals Amerikanismus oder, austauschbar, roter vaterlandsloser Internationalismus. 1904 kam es tatsächlich zur Gründung des Bundes. Zahlreiche Landschaftsschutzgesetze in Preußen und anderen Bundesstaaten folgten umgehend. Heute nennt sich der Verein BHU: Bund Heimat und Umwelt in Deutschland. Ihm gehören 18 Heimatverbände an.

Rudorff handelte als Realo und fühlte wie ein Fundi. Seine Weltanschauung war dezidiert rückwärts gewandt, ästhetisch inspiriert. Landschaft und Musik waren ihm zwei Seiten ein und derselben Medaille. Seine Kompositionen bewahren den Zauber deutscher Natur in zum Teil harmonisch kühnen Wendungen. Sie wurden Ende des 19. Jahrhunderts von namhaften Interpreten aufgeführt. Hans von Bülow dirigierte 1891 Rudorffs zweite Symphonie g-Moll, und ebenfalls von den Berliner Philharmonikern wurde 1911 Rudorffs Dritte in h-Moll uraufgeführt. Eine Ökokapelle sind die Philharmoniker deswegen nicht geworden. Aber sie standen schon damals - selbst auf dem grünen Felde - ganz weit vorn.