Trend beim Doku-Film: Reise ins Ich

Sie filmen sich selbst, und es geht dabei nicht um die Eitelkeit der Künstler, sondern um eine neue Sicht auf die Welt, in der das Private politisch und das Politische Kunst wird.

Sie filmen sich selbst, und es geht dabei nicht um die Eitelkeit der Künstler, sondern um eine neue Sicht auf die Welt, in der das Private politisch und das Politische Kunst wird. Im Forum-Programm, diesem kunterbunten Blumenstrauß aus Experimental-, Genre- und Essayfilmen, sind die Tagebuchfilme von Nikki S. Lee, Jan Gassmann/Christian Ziörjen sowie Camila Guzman Urzúa sozusagen das Rank- und Schmuckwerk dazu. Sie weisen mit ihren Spielorten Südkorea/USA, Schweiz sowie Kuba hinaus in die Welt und verbinden in ihren Inhalten Experiment, Genre und Essay wie das Grün den Blumenstrauß.

Zum Beispiel Nikki S. Lee. Die Südkoreanerin filmt sich in "a.k.a. Nikki Lee" als Dokumentarfilmerin, wie sie einen Dokumentarfilm über sich selbst dreht. Der Film ist der Film ist der Film. Und das Ich ist das Ich ist das Ich. Eine amüsante Spielerei, bei der wir eine weltweit anerkannte Fotografin sehen, wie sie sich in den Kunstwelten von Filmfestivals, Shoppingzentren, Kunstmessen und Galerien bewegt und dabei stets sich hinterfragt. Da selbst ihre Interviews mit sich selbst vor der Bücherwand wie inszeniert scheinen, stößt die Suche nach der Frage, wer die Dame eigentlich so ganz wirklich ist, völlig ins Leere. Denn darum genau geht es. Die Lehre ist die Leere.

Ähnlich verspielt, aber im wahrsten Sinne des Wortes todernst ist "Chrigu" von Jan Gassmann und Christian Ziörjen. Christian, genannt Chrigu, ist schwer krebskrank, und er hebt die Kamera hoch, und filmt sich beim Kampf fürs Leben und gegen das Sterben. Ein unerschütterlicher Twen mit albernen Kumpels, der Videoclips für deren Band dreht, im Privatfernsehen Kommentare gegen die Konsumgesellschaft spricht und Halt findet im Elternhaus in den Bergen, bei Papa, dem Öko-Bauern.

Es gibt genügend Spielfilme, die den Weg zum Sterben zum Thema haben, und meist ist die Tränendrüse der Adressat der fiktiven Geschichte. Dass unser "Chrigu" tatsächlich stirbt und sein Freund Jan Gassmann dann den Film beendet, löst bemerkenswerter Weise wenig Trauer aus. Weil das Sterbensdokument ein gefilmtes Stück Lebenslust darstellt, wie das Testament eines Verstorbenen, man möge doch auf seinem Grab tanzen und ihn gut in Erinnerung behalten. Das tun wir bei "Chrigu". Als Filmemacher und als Mensch.

Auch Camilla Guzmán Urzúas "El telon de azucar" ("Der Zucker-Vorhang") handelt von einem Abschied. Und die Filmemacherin ist die Hauptperson. Allerdings sehen wir die 36-jährige Kubanerin nur gebrochen: im Spiegel mit der Kamera, wie sie ihre Mutter interviewt oder auf Fotos glücklich lächelnd in der Highschool an der Seite ihrer Freundinnen.

Zwischen der Frau hinter der Kamera und dem Mädchen auf den Fotos liegen 20 Jahre, und der Film versucht zu ergründen, was in dieser Zeit hinter dem Zuckervorhang, hinter dem das sozialistische Kuba verschwunden ist, geworden ist. Das Ergebnis ist pure Trauer: Die Ideale der Revolution aus den Siebzigern, der Traum vom "Neuen Menschen" sind vorbei, die Räume des ersten Museums für "Che" verwaist.

"Wir lebten in einer Wolke" sagt ein einstiger Mitschüler. So wird aus einem sehr privaten Tagebuch eine politische Bankrotterklärung.

Eberhard von Elterlein