Nun sterben sie doch noch. Alle. Und der Tod steht ihnen gut. Schließlich ist er ihr Geschäft. Dabei sah es zunächst so aus, als würde der Fernsehsender Vox die kalifornische Bestattersippe Fisher nie unter die TV-Erde kommen lassen. "Six Feet Under", die weltweit gefeierte und mit Preisen bedachte Serie über Leben und Sterben in L.A., schien in Deutschland nach der vierten Staffel in die virtuelle Leichenhalle abgeschoben. Wieder mal. Weil - wie so viel US-Qualitätsware aus dem dortigen Bezahlfernsehen - zu schwierig einzuordnen zwischen Drama und schräger Satire, echtem Mitgefühl und frecher Ironie über den American way of life, über zu viel Seelenklempnerei, über das Festklammern an der falschen Idylle, immer garniert mit einer mehr oder weniger würdigen Trauerfeier.
Doch nun kommt "Six Feet Under", dieses grandios komische, so alltäglich tieftragische Sittengemälde über eine ganz normal verrückte Familie doch noch zu seiner letzten Ehre: Ab heute sendet Vox die fünfte Staffel als würdiges Requiem für die Fishers. Sie haben es verdient. Sie sind natürlich eine typische Fernsehsippe, in der auch viel gesellschaftlicher Sprengstoff hochgeht, gutmenschlich ausdiskutiert natürlich, etwa die Adoption für Schwule.
Nur ist diese Saga wirklichkeitsnäher und trotzdem überdreht, voll von makabrem Humor, der offenbar jeden befällt, der sich länger im rührend altmodischen Bestatterhaus zwischen Leichenkeller und Wohnung aufhält. Zunächst begann es eher als tiefschwarze Comedy, als der Patriarch an Weihnachten bei einer Leichenfahrt von einem Bus getötet wurde, aber bald schon wieder als Toter nörgelnd beim Essen mit dabeisaß. Groteske Sterbeszenen, wilde Handlungssprünge und der Kampf gegen die bösen Bestatter-Discounter gaben eine Richtung vor, von der die Serienmacher bald abwichen.
Die glaubwürdigen, immer tiefenschärferen Schauspieler, die intensiven, sich Zeit lassenden Drehbücher und eine filmwürdige Optik ließen die Serie reifen, ja erwachsen werden. Die Toten kehrten immer öfter in ihr Reich zurück, ließen die Fishers allein mit ihren Problemen fertig werden. Die beileibe nicht alle gelöst werden. Dafür ist das Konzept von Produzent Allan Ball ("American Beauty") viel zu widerständig. Aus dem ist sogar ein ganz und gar ungewöhnliches, weil fiktives, die Vorgeschichte der Fishers erklärendes Familienalbum als Begleitbuch (bei Schwarzkopf & Schwarzkopf) entstanden.
Mutter Ruth (Frances Conroy) musste erkennen, dass sie als Witwe nicht automatisch noch einmal die große Liebe finden wird, dass das Leben mit Männern sehr kompliziert sein kann. Letztes muss auch Sohn David (Michael C. Hall) herausfinden, nachdem er sich endlich geoutet hat, später aber durch einen Raubüberfall traumatisiert wurde. Nate (Peter Krause) schwankt zwischen den Beziehungen zu seiner toten Frau, die er nicht wirklich geliebt hat, die ihm aber ein Kind hinterlassen hat, und seiner alten, nun neuen Leidenschaft Brenda (Rachel Griffith). Die passt eigentlich gar nicht zu ihm, klammert sich aber umso vehementer samt ihrer disfunktionalen Familie an die scheinbare Fisher-Normalität. Tochter Claire (Lauren Ambrose) schließlich, die einen aufgemotzten Leichenwagen fährt, sucht am eindringlichsten ihren Platz in der Familie und im Leben.
In der letzten Staffel finden all diese Lebensläufe ihr Ende. Erst der einer der Hauptfiguren - drei Folgen vor Schluss - damit noch genügend Zeit für Trauerarbeit bleibt. Das Schicksal der andern wird im Zeitraffer verfolgt, während Lauren, im neuen Auto, sich aufmacht in den Sonnenaufgang und in ein neues Leben. Sie wird sie alle überdauern, so wie "Six Feet Under" das Mittelmaß.
Six Feet Under
, heute, 0.10 Uhr, Vox

