Der Treffpunkt: Mutters Beerdigung. Jeder hat während dieser Stunden seine Geschichte zu erzählen, viele Details derselben Ereignisse unterscheiden sich, nur der Kern stimmt: Die Mutter hat ihnen Zeit ihres Lebens zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass sie verdammt viele Kinder waren, die sich auch noch in Ost und West verstreuten, sondern dass sie auch von drei verschiedenen Vätern stammen.
Das ist das Einzige, was die Mutter ihren acht Kindern erzählt hat: Wie sie vor ihren Augen den Großvater tötet. Diese Tötung verzeiht sie ihrer Mutter nie, auch wenn es aus Notwehr geschah. Den Rest der Lebensgeschichte imaginieren die Enkel selbst oder setzen sie aus Fragmenten zusammen. Und manchmal erzählen sie auch "Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik" herunter. Das gilt auch für die Lebensgeschichte der Mutter. Der Bogen, den der Roman dabei souverän spannt, reicht zeitlich vom Kaiserreich bis zur DDR-Zeit, örtlich von Posen bis New York.
Die Beerdigung, der zeitliche Ausgangspunkt des Buches, findet an einem 11. November statt - eigentlich Beginn der Narrenzeit, aber an diesem Tag im Jahr 1982 trauert die offizielle DDR um Sowjetführer Breschnew. Trotz der Staatstrauer springen um den Friedhof diverse Maskierte herum - ein groteskes Szenario. Gesteigert wird das nur durch den Wellensittich der Mutter, der an ihrem einbalsamierten Gesicht herumpickt. Für Emma Braslavsky ist die Maskerade offenbar ein wichtiges Rollenspiel, denn auch die Geschwister versuchen, ihre eigene Identität zu verteidigen.
Ein Familientreffen, das alle Beteiligten irritiert, aber am Ende gestärkt zurücklassen wird. Die Verortung in einem thüringischen Dorf 1982 gelingt nur bedingt. Die Stärken des Romans liegen in Form und Sprache. Emma Braslavsky hat ihre Figuren im Griff, setzt sie wirkungsgenau ein.
Emma Braslavsky: Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik. Claassen, Berlin. 330 Seiten, 19,90 Euro

