Ryan Adams' neue Kleider

Ein bisschen komisch fühlt er sich schon. Kettenrauchend vor dem Altar der Passionskirche. «Sorry, Jesus», ruft er über die linke Schulter. Und qualmt weiter. Ryan Adams, der Sänger und Songschreiber, dem der Ruf vorausgeht, im Konzert mitunter zum unberechenbaren Rockberserker zu mutieren, gibt sich bei seinem Berliner Debüt charmant introvertiert. Damit er nicht ganz allein ist bei seinem Soloabend hat er Ruth und Sarah an Cello, Violine und Piano mitgebracht. Für ein paar Songs wenigstens. Manchmal zupft ein kräftiger Typ, den er The Chief nennt, die zweite Gitarre.

«Oh My Sweet Carolina» zur Eröffnung, von seinem Solodebüt «Heartbreaker», ist so ein Ensemblestück. Doch den Löwenanteil des Konzerts bestreitet Ryan Adams, der Endzwanziger, im Alleingang. Mal mit Akustikgitarre, mal unter Strom, mal am Flügel. Es sind zumeist ruhige, filigrane, schwermütige Lieder. Sie knistern wie die defekte Neonreklame eines heruntergekommenen Highway-Coffeeshops. Sie heißen «Sweet Lil Gal» oder «Sylvia Plath» oder «Winding Wheel».

Nein, das ist nicht der Typ, der vor kurzem bei einem Konzert in Nashville einem Besucher auf offener Bühne das Eintrittsgeld zurückgegeben und ihn des Saales verwies, weil er sich aus Jux «Summer of 69» von Mainstreamrocker Bryan Adams gewünscht hatte. Hier sitzt ein melancholischer Ryan Adams im fahlen Rampenlicht, ein Anti-Star.

Mit der Alternative-Countryband Whiskeytown hat sich der nervöse Musiker aus North Carolina Kultstatus erspielt. «Heartbreaker» festigte seinen guten Ruf als Songschreiber. «Demolition» heißt seine neue CD.

Natürlich sind die Vorbilder unüberhörbar. Natürlich geht einem immer wieder Neil Young durch den Kopf. Oder Gram Parsons. Sogar Kurt Cobain oder Townes Van Zandt. Doch dieser Ryan Adams ist einer, der seinen Songs immer wieder neue Kleider schneidert, mal mit Countryband, mal mit Rockcombo, oder mal, wie jetzt in Berlin, konzentriert kammermusikalisch. Noch ein Schluck aus dem Glas. Noch eine letzte Kippe angesteckt. Tschüss und Danke. Der Schlussapplaus hatte irgendwie etwas Befreiendes.