Man sieht sich: Catherine Gayer verlässt Berlin

Scheiden tut weh, weiß das Sprichwort, und es hat natürlich recht, wenn fraglos auch nicht in jedem Falle. Schmerzhaft ist das Scheiden dennoch beinahe traditonsgemäß für den Scheidenden. Für die verwaist Zurückbleibenden aber auch. Jeder Abschied gleicht nun einmal einem kleinen Weltuntergang. Das gilt natürlich auch beim Abschied viel bewunderter und vielgeliebter Künstler von der Bühne, der sie mitunter länger als ihr halbes Leben durch Dick und Dünn, Triumphe und Niederlagen schier übermenschliche Anhänglichkeit bewahrt haben.

Von der Kammersängerin Catherine Gayer ist hier die Rede, die mehr als vierzig Jahre lang dem Ensemble der Deutschen Oper angehörte. Am kommenden Mittwoch nimmt sie mit einem Konzert im Foyer des geliebten Hauses Abschied. Scheiden tut weh. Catherine Gayer, die Amerikanerin, war so etwas wie eine hochsingende Selbstverständlichkeit in Berlin. Sie war musikalisch wohlbeschlagen, sie war unternehmungslustig und offenbar alterslos. Sie war kollegial, wagemutig, optimistisch: ein guter Geist bis zum hohen F hinauf. Das ist selten.

Natürlich habe ich sie über die Jahrzehnte hin in den meisten ihrer Rollen gehört und genossen; wie viele ihrer Kollegen und Kolleginnen auch, die sich lange vor ihr bereits von der Bühne oder sogar aus dem Leben zurückgezogen hatten. Einige starben und hinterließen ein künstlerisches Vakuum: eine Wunde, die (im besten Operndeutsch) nie sich schließen will. Pilar Lorengar und Erika Köth die Unvergessenen, sind dahin. Noch verhältnismäßig jung an Jahren, riss der Tod Donald Grobe ins Grab, gefolgt auf durchaus tragische Weise von Giuseppe Sinopoli.

Catherine Gayer, glücklicherweise, lebt und hält, singend, ein letztes Mal Hof. Ihr Programm möchte man beinahe extravagant nennen. Es reicht von Purcell über Schönberg bis zu Danny Ashkenasi, dem eigenen Sohn, der zweifellos, aus New York herbeieilend, beim letzten Auftritt der Frau Mama zugegen sein wird. Ich habe an Mutter und Sohn eine bezaubernde Erinnerung.

Danny ging noch zur Schule, natürlich die amerikanische in Berlin, und hatte als 14- oder 15-jähriger ein waschechtes Musical für seine Mitschüler geschrieben und komponiert. Natürlich studierte er es eigenhändig dem Klassenensemble ein, und ich war von der zurecht stolzen Mama geladen, der Premiere beizuwohnen. Sie mündete in einen wohlverdienten Triumph und bei mir ins große Erstaunen. Ich war auf eine fabelhafte Begabung gestoßen: diesen Danny Ashkenasi, von dem ich noch viel erhoffen durfte. Nun werde ich ihn wenigstens wiedersehen.

Mit Catherine Gayer spielten sich die Wiedersehen immer an den seltsamsten, unerwartetsten Orten ab. Einmal hatte ich ein paar Ferientage in Jerusalem, in der Wohnung der aushäusigen Galina und Valery Panov, des Tänzer-Ehepaares, verbracht. Ich hatte die Stadt nach Kräften genossen. Ich war vorher schon einmal geradlinig dorthin geflogen, von einem Treffen mit Pablo Casals in Puerto Rico, um Dietrich Fischer-Dieskaus ersten Auftritt in Israel, begleitet am Klavier von Daniel Barenboim, nicht zu verpassen. Er sang, erstmals öffentlich in deutscher Sprache, in Tel Aviv, wo man selbst Beethovens «Ode an die Freude» bislang nur auf Englisch vortrug, Schuberts «Winterreise» in einem bis zum Bersten emotional aufgeladenen Saal.

Diesmal hatte ich mir ein Auto gemietet und war rundum gefahren, nach Hebron, das mich berührte, weiter zum Grabmal des Herodes. Ich hatte Masada besucht, die zerstörte Festung über dem Toten Meer. Und dort hatte ich unversehens vor Catherine Gayer gestanden, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Wie damals in Mexico City beim Gastspiel der Deutschen Oper.

Da hatte Cathy seelenruhig in der Kulisse gestanden und mit den Kollegen geplaudert. Man spielte «Elegie für junge Liebende» von Hans Werner Henze unter Leitung des Komponisten. Mitten in die Plauderei hinein sagte die Gayer seelenruhig zum Inspizienten «Bitte mein F!». Der blies es ihr zu, sie trat hinaus auf die Bühne und sang es ganz einfach. Ganz einfach? Ich muss doch sehr bitten!