Lucky Man ohne Verve

Es gab Zeiten, da nannten ihn alle nur «Mad Richard». Das war 1993, Richard Ashcroft führte The Verve an und galt als einer der besessensten Frontmänner unter Britanniens Rock-Neulingen. In seinen Augen sah man Entschlossenheit, die Gesten signalisierten unbedingte Bereitschaft. Heute ist Ashcroft ein etablierter Musiker mit Frau, Kind und Landhaus, der auf seiner jüngsten Platte «Human Conditions» über Gott und Natur sinniert. Und das soll verrückt sein?

Auch beim Konzert in der nur mäßig gefüllten Columbiahalle präsentiert sich Ashcroft als gereifter Interpret. Der nicht sonderlich große Mann aus dem nordenglischen Wigan trägt Jeans und Sonnenbrille. Die Haare sind so durcheinander wie früher. Aber seine Grundstimmung ist fast schon provozierend entspannt. Sogar ein Plausch mit dem Publikum ist möglich. Die Songs begräbt er dann unter dem, was Phil Spector einst «Wall Of Sound» nannte. Mehrere Titel haben ein bombastisches Ende. Zwischendrin sind pastorale Orgeln, folkloristische Flöten und üppige Streicher zu hören. Pete Salisbury, der Weggefährte aus gemeinsamen Verve-Tagen, liefert dazu eine Art HipHop-Rhythmus ab.

Stilistisch gibt es während der neunzig Minuten nur wenige Abwandlungen zu bestaunen. Das Material des neuen Albums wird fast vollständig vorgestellt, doch nur «Check The Meaning» wirkt lebendig und erdig. «Running Away» dagegen kommt so sanft und balladenhaft daher, dass man sich automatisch seine Begleiterin greift und sie umarmt. Für diese Stücke, wie auch für die seines Solodebüts «Alone With Everybody», erhält Ashcroft Anstandsapplaus.

Ganz anders die Reaktion bei einem Song, den der Sänger alleine mit Akustikgitarre spielt. Schon nach den ersten Akkorden kommt Jubel auf, weil sich «The Drugs Don't Work» ankündigt, eine der Schlüsselkompositionen von The Verve. Das Publikum hätte gerne mehr davon. Es bleibt dann auch nicht bei einem Oldie. Am Ende des regulären Sets erscheinen auf dem Bühnenhintergrund viele kleine Lichtpunkte, die sich wie beim Sternenhimmel zusammenfügen. Das Lied dazu heißt «Lucky Man». In diesem Moment wirkt alles so besinnlich, wie es sich für die Weihnachtszeit gehört. Für alle anderen Monate indes wünscht man sich von «Mad Richard» etwas mehr Feuer und Leidenschaft.