James Hobrecht schuf, was bis heute das Gesicht der Berliner Innenstadt prägt: den Bebauungsplan, auf dessen Basis die Hauptstadt während der Kaiserzeit die «größte Mietskasernenstadt Europas» wurde. Zugleich entwickelte er ein wegweisendes Kanalisationssystem, das sich als das standhafteste Netzwerk der Stadt erweisen sollte. Nachdem die «Mietskaserne» lange Zeit als typisches Beispiel für menschenverachtendes Bauen galt, wird Hobrechts Werk heute allgemein geschätzt.
Im östlichsten Teil Ostpreußens wurde Hobrecht 1825 geboren. Seine landwirtschaftliche Ausbildung brach er ab, betätigte sich als Landvermesser und siedelte 1847 nach Berlin über, um an der Bauakademie zu studieren. In der Revolution ein Jahr später kämpfte er auf der Seite der Aufständischen. Zeitlebens blieb er von 1848 geprägt, von der Erfahrung, dass scheinbar versteinerte Verhältnisse in Bewegung geraten können.
So ist auch sein Bebauungsplan von 1862 zu verstehen, den er als Regierungsbaumeister im Auftrag des Polizeipräsidenten von Berlin konzipierte. Da sich die Einwohnerzahl der Stadt in kaum 25 Jahren verdoppelt hatte, erweiterte er die Fläche der Stadt auf das Fünfeinhalbfache. Hobrecht entwarf ein Straßenraster, das Plätze relativ regelmäßig auflockerten. Die Straßen sollen mindestens 22 Meter breit sein und zudem so schmuckvoll ausgestattet, wie es der Gartenkünstler Peter Joseph Lenné zuvor gefordert hatte. Heute ist die Hobrecht'sche Stadt am besten in den Innenstadtbezirken wie Prenzlauer Berg oder Charlottenburg zu erleben.
Das Minimum an Regeln ermöglichte ein Maximum an Stadtwachstum: Es dauerte kaum länger als eine Dekade, bis sich Berlins Bewohnerzahl erneut verdoppelt hatte. Hobrecht favorisierte Mietskasernen wegen ihres «empfehlenswerthen Durcheinanderwohnens» von Arm und Reich - die Wohlhabenderen im Vorderhaus, die Mittellosen in Dach-, Hinterhaus- und Kellerwohnungen. Dieses Zusammenleben hatte jedoch nicht lange Bestand.
Die Enge der Mietskasernen gefährdete bald die Volksgesundheit. Noch nämlich wurden die Exkremente in Sickergruben gesammelt, die zu Infektionsherden wurden. Hobrecht hatte sich bereits lange dafür eingesetzt, die Hygiene zu einer hoheitlichen Aufgabe zu machen. In den 1860er-Jahren plante er als Stadtbaurat von Stettin Entwässerungsanlagen und ein Wasserwerk. Mit dieser Referenz sowie mit der Unterstützung des Arztes und Politikers Rudolf Virchow erhielt er 1872 den Auftrag, eine Kanalisation für Berlin zu errichten. Vier Jahre später wurde das erste Teilstück des Entwässerungssystems eingeweiht und 1907 vollendet. Anders als etwa in London gelangt das Schmutzwasser nicht in Flüsse, aus denen das Trinkwasser kommt, sondern als Dünger auf Rieselfelder vor der Stadt.
1885 wurde Hobrecht zum Berliner Stadtbaurat für Tiefbau ernannt. Während seiner zwölfjährigen Amtszeit ließ er die Spree im Stadtgebiet regulieren, um Überflutungen zu verhindern. Zudem ließ er 28 Brücken errichten, von denen er sechs selbst gestaltete. Als Hobrecht 1897 pensioniert wurde, ehrte ihn die Stadt, indem sie den «Geheimen Baurat» zum Stadtältesten von Berlin ernannte. Als Mitglied in der Königlichen Akademie des Bauwesens und des Berliner Architektenvereins blieb er bis zu seinem Tod am 8. September 1902 dem Bauen in der Hauptstadt verbunden.

