«Philosophie und Hardcore»

Foto: Stefan Beetz

Ehrlich gesagt, Juliette hätte man sich irgendwie anders vorgestellt: Als junge französische Schriftstellerin vielleicht oder als mondäne Kunstliebhaberin, die, wie einst Rahel Levin-Varnhagen oder Henriette Herz, zum literarischen Kaffeeklatsch auf die private Couch lädt. Am Canapé soll es in «Juliettes Literatursalon» nicht mangeln und am Kaffee erst recht nicht. Nur serviert den hier nicht die Dame des Hauses, sondern ein Mann.

Hartmut Fischer ist die Ausnahme in der von den Frauen dominierten Berliner Salonkultur, aber eine beständige: In diesem Jahr geht sein Laden in der Gormannstraße bereits ins fünfte Jahr. Dessen Name hat übrigens weder etwas mit einer Freundin zu tun noch wollte der heute 35-Jährige inkognito auf den damals anrollenden Zug des neuen Salonbewusstseins aufspringen. Er ist eine Hommage an Marquis de Sade, den Fischer verehrt, «wegen seiner Mischung aus Philosophie und Hardcore». Zum Zeitpunkt der Salongründung erschien zufällig das erste Buch der vollständigen Neuübersetzung von de Sades «Justine und Juliette». Justine war zu tugendhaft, blieb nur Juliette.

Bis heute lesen bei ihm Prominente alle 14 Tage aus dem Werk. Autoren dürfen aber auch eigene Stücke vortragen. Krimiautorin Thea Dorn zum Beispiel, und das sieht dann so aus: Es ist ein heißer Samstagnachmittag in Mitte, die Stühle reichen trotzdem nicht aus, man lässt sich auf den Simsen vor den Regalen nieder. In eine der Regalreihen ist eine kleine Guillotine eingelassen, unter der de Sades Bücher einen Ehrenplatz haben. Thea Dorn also träumt ihren «Bombsong», Ulrike Haage produziert dazu elektronische Klänge, ein Kind kichert und ein Hund kriecht seiner Besitzerin auf den Schoß. Die Tür bleibt offen, die Leute bleiben stehen. Der «Bombsong» ist ausgesungen, und keiner geht nach Haus. Jetzt fängt das Salonieren erst richtig an. Das literarische Volk in Mitte kennt sich, man plaudert über die horrenden Standmieten auf der Buchmesse und über einen Verleger, dessen Ambitionen der Gerichtsvollzieher gerade mit einem Kuckuck überklebt hat. Es ist heimelig, es ist gemütlich. «Es ist wie ein japanisches Teehaus», sagt Fischer und holt zu einer Erklärung über die rituellen Handlungen der Samurais und den Weg des Tees aus. Jedenfalls: Es geht um Offenheit, Frieden und Gelassenheit.

Dann traut sich einer höflich zu fragen: «Ist es denn möglich, Bücher zu kaufen?» Es ist. Der Buchladen mit Spezialisierung auf Philosophisches, Kultur- und Theaterwissenschaft und großem Belletristik-Angebot ist schließlich Fischers eigentliches Geschäft. Leider ein sehr mühsames. «Wir sind auf die Stammkunden angewiesen», sagt der ausgebildete Buchhändler aus Tübingen und räumt ein, dass er manchmal nicht wisse, wie lange das noch gut gehe. Aber trotzdem: «Von dem Konzept bin ich immer noch überzeugt.» Viel Enthusiasmus und manchmal ein bisschen Resignation. Vielleicht hat er deshalb Voltaires «Candide oder der Optimismus» in eine Regalreihe mit der «Tristesse Royale» des popkulturellen Quintettes um Joachim Bessing gestellt. Die Bücherordnung jedenfalls ist nicht leicht zu durchschauen. Auf gut 100 Quadratmetern ragen die eher gediegenen Regale bis hoch an die Decke. Bei Fischer, der nebenbei auch einen kleinen Verlag betreibt, muss man stöbern, um die wahren Schätze zu finden. Das kann an den unmöglichsten Orten sein. Auf dem Klo etwa hängen Originalfotos von Blixa Bargeld, der hier einst seine Impressionen von Hotel-Badezimmern ausstellte. Einen kleinen Galerieraum hat Fischer auch noch.

Aber auch hier gilt: Fischer entscheidet sich für seine Veranstaltungen rein nach Intuition. Wenn er gerade keinen Kandidaten hat, bleibt die Galerie halt leer, gibt es eben keine Lesung. Zu anderen Zeiten wieder geben sich Leute wie Durs Grünbein oder Thomas Brasch die Klinke in die Hand. «Wenn es passt, dann passt es», formuliert Hartmut Fischer sein Prinzip. Und es passt regelmäßig richtig. Da geht dann auch die kleine Inkongruenz zwischen Hartmut und Juliette in Ordnung.

«Juliettes Literatursalon», Gormannstraße 25. Mitte. Heute um 20.30 Uhr liest Feuerkünstler Kain Karawan aus de Sades «Justine und Juliette», Infos unter: 283 914 27.