Wem gehört die Berlinka?

So viel Hoffnung, so viel Enttäuschung, und dann ist er doch gekommen, der große Tag der Rückkehr. Morgen werden die 1945 von sowjetischen Soldaten als «Beutekunst» nach Russland verschleppten mittelalterlichen Bleiglasfenster der Marienkirche in Frankfurt/Oder auf den Weg nach Deutschland gebracht. Im Gegenzug hat Kulturstaatsminister Julian Nida- Rümelin (SPD) sieben Gemälde zurückgeben, die sich deutsche Soldaten bei ihren Raubzügen durch die Zarenpaläste von Gatschina und Puschkin unter den Nagel gerissen hatten und die erst jetzt in den Beständen des Deutschen Historischen Museums (DHM) entdeckt wurden. Tauwetter in den Beutekunst-Verhandlungen?

Die Zeichen stehen zumindest auf Hoffnung. Und das gilt auch für den Austausch «kriegsbedingt verlagerter Kulturgüter» zwischen Polen und Deutschland. Zu den schmerzhaftesten deutschen Verlusten gehören jene 300 000 Schriften der Berliner Staatsbibliothek, die während des Zweiten Weltkriegs nach Schlesien ausgelagert wurden und jetzt unter der Bezeichnung «Berlinka» in Krakau lagern. Das Archiv von Rahel Varnhagen befindet sich ebenso in der Jagiellonischen Bibliothek der dortigen Universität wie die ersten beiden Sätze von Mozarts Originalpartituren der «Entführung aus dem Serail». «Das ist der Anfang», hatte Polens Ministerpräsident Jerzy Buzek gesagt, als er am 6. Dezember 2000 Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im polnischen Parlament plötzlich eine Luther-Bibel aus der Berlinka überreichte.

Offenbar ist von jenem Akt tatsächlich ein Impuls für weitere kleine Schritte ausgegangen. Dass die Katholische Kirche Deutschlands im September 2001 Polen die Rückgabe von mehr als 3000 Kirchenbüchern zusicherte, die von Deutschen beschlagnahmt worden waren, ist nur ein Zeichen. Das wichtigste Signal setzt die Tatsache, dass seit einem Jahr erstmals über einen Vertragstext zur Regelung des Austausches diskutiert wird. Die letzte deutsch-polnische Zusammenkunft fand Mitte Mai statt. Doch die Verhandlungen sind zäh. «Heikelster Punkt ist die Frage der Zuordnung», so das Auswärtige Amt. Was ist polnisches, was deutsches Kulturgut?

«Gebietsverschiebungen» lautet das Reizwort. Die deutsche Seite will Kulturgüter zurückgeben, die während des Krieges aus Polen geraubt wurden. Zurück haben will die Bundesrepublik all jene Objekte, die wie die Berlinka in ehemals deutsche Gebiete ausgelagert wurden und heute nur deshalb in Polen liegen, weil die Grenzen nach dem Krieg neu gezogen wurden. Polen wiederum erhebt Ansprüche auf alles, was auf seinem Staatsgebiet entstanden ist. So wurde bereits die Forderung nach Beständen des Geheimen Staatsarchivs laut, die nach Ansicht der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nach Berlin gehören.

Wenn Polens Unterhändler Forderungen dieser Art erheben, dann ist das auch eine Reaktion auf den Druck der Öffentlichkeit. Zwei Drittel der polnischen Bibliotheksbestände sind in Folge des Überfalls der Wehrmacht auf Polen für immer vernichtet worden. Da wird nicht nur die Berlinka als eine Polen zustehende Entschädigung betrachtet. Und der Vorschlag des in Deutschland lebenden Sammlers Tomasz Niewodniczianski, seine auf 50 Millionen Euro geschätzte Polonica-Samlung Polen zu übergeben, falls das Land zur Rückgabe der Berlinka bereit wäre, stieß bisher auf wenig Resonanz. So macht Krysztof Zamorski, Direktor der Krakauer Jagiellonen-Bibliothek, kein Geheimnis daraus, dass er an Niewodniczianskis Tauschgeschäft kein Interesse hat. Und das, obgleich es sich bei dem Angebot um die weltgrößte Sammlung an Landkarten und polnischsprachigen Dokumenten handelt.

Bei den deutsch-polnischen Konsultationen während Schröders vergangenem Staatsbesuch in Breslau war die Beutekunst offiziell kein Thema. Das sagt allerdings wenig über die Brisanz, die die Frage für die Bundesregierung hat. Nicht ohne Grund betont der neue Generaldirektor der Staatsbibliothek, Graham Jefcoate, er betrachte «die Lösung des Problems der kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter auf europäischer Ebene im Kontext eines immer mehr zusammenwachsenden Europas». Polens Beitritt in die EU naht. Und wie das Kanzleramt verlauten ließ, soll noch zuvor der Verbleib der Berlinka geklärt sein. Das wäre spätestens 2006. Zu viel Hoffnung?