Sie scheinen vom Aussterben bedroht, diese verschrobenen Bohemiens, die sich als Künstler nicht dreinreden lassen wollen in ihre Arbeit. Die in ihrer Musik all die offenen Wünsche und geheimen Sehnsüchte offenbaren, die uns Normalos oft so unerreichbar scheinen. Und die wir deshalb so lieben. Einer, der Höhen und Tiefen des Musikgeschäfts durchschritten hat, ist der inzwischen 57-jährige Sänger und Gitarrist Willy DeVille, dessen hemmungslose Liebe zum Blues, zum Soul, zum Rock'n'Roll stets groß genug war, um ihn vor dem letzten großen Absturz zu bewahren.

Die Columbiahalle ist ausverkauft, als Willy DeVille nach diversen Experimenten in kleiner Besetzung wieder mit seiner Mink DeVille Band anrückt und aus seinem Reservoir einfach guter Musik schöpft. DeVille, der schlaksige, vom Leben gezeichnete Underground-Dandy in weinrotem Cut und knallenger schwarzer Lederhose, ist keiner dieser Showprofis, die ihr Leben in der Garderobe abgeben, um im Rampenlicht ein anderer zu werden.

Willy DeVille eröffnet den Abend - mit Kippe im Mundwinkel und unter lautem Jubel - mit "So So Real". Es ist ein Stück seines gerade erschienenen Albums "Pistola", gleich gefolgt vom frühen Hit "Spanish Stroll" mit samtigem Background-Huhuhu der Sängerschwestern Dorene und Yadonna Wise. Und da ist sie wieder, diese Stimme, die sofort ins Mark fährt. Der New Yorker, der sich viele Jahre nach Louisiana zurückgezogen hatte, bis ihm der Sturm Katrina sein Anwesen weggefegt hat, zieht mit großer und etwas huschiger Geste durch seine Musikerkarriere, durch Songs, die von Ghetto-Blues und Latino-Fieber, von Tex-Mex-Folklore und Louisiana-Cajun geprägt sind. "Heart and Soul" gehört dazu, "Italian Shoes" oder das salsagetriebene "Demasiado Corazon".

Er hat vor sich ein Notenpult aufgebaut, ein Songbook steht darauf, das er Stück für Stück umblättert. Er plaudert im gekneteten Southern Slang mit dem Publikum ("Das da draußen soll ein Sturm sein? Bullshit!"). Er verstört ein wenig mit Elvis Presleys "Heartbreak Hotel", das er gleich zweimal abbricht, um erst die Gitarre zu wechseln und dann den jungen New Yorker Pianisten Darin Brown kurzfristig außer Gefecht zu setzen. Und er überzeugt dann wieder mit seiner bluesschweren Muddy-Waters-Hommage "Muddy Waters rose out of the Mississippi Mud".

Der inzwischen wieder in New York lebende Musiker hat langjährige Weggefährten in seine Band geholt. Bassist Bob Curiano beispielsweise, der zu einer frühen Mink DeVille-Besetzung gehörte. Auch Schlagzeuger Shawn Murray und Lucky-7-Perkussionist Boris Kinberg standen ihm früher lange Jahre zur Seite. Der New Yorker Gitarrist Mark Newman komplettiert die aktuelle Besetzung, die sich als versiert und routiniert erweist, aber nicht immer die DeVille'schen Gefühlswallungen adäquat umzusetzen weiß. Eine Ballade steht am Ende dieser erfrischenden Begegnung. Nur von Pianist Darin Brown begleitet singt Willy DeVille eine herzerweichend gebrochene Version von "Let It Be Me", jenem Gilbert-Becaud-Chanson ("Je t'appartiens"), das in seiner englischen Version ein Hit der Everly Brothers war. DeVille macht daraus seine ureigene Hymne. Er lässt es nach eineinhalb Stunden noch einmal knistern. Und geht ab.