Dieses Gebiet erzählt vom Flair des Theaters, von feinen Kreisen und Wissenschaft. Dabei ist die Friedrich-Wilhelm-Stadt längst nicht so groß, wie ihr prunkvoller Name verheißt. Namenspate des Areals zwischen Friedrichstraße, Spree, Humboldthafen und Invalidenstraße war Friedrich Wilhelm III. Und auch den Straßen gab Bauherr Johann Friedrich Ferdinand Schumann königliche Namen - von Luisen- über Marien- bis zur Albrechtstraße.
Idealer Ausgangspunkt eines Spaziergangs ist der S-Bahnhof Friedrichstraße. Über die Spree geht es in die Albrechtstraße, vorbei an schönen alten Häusern. An der Ecke Reinhardtstraße zieht ein mächtiges Bauwerk die Blicke auf sich: der 1943 erbaute Bunker, 70 Meter breit, ebenso tief und 42 Meter hoch. Das Überbleibsel aus Kriegstagen ähnelt einer Burg mit Schießscharten. Nach dem Krieg war er Vorratslager, ab 1992 gingen hier Techno-Jünger ein und aus. Was folgte, waren Kunst - und viele Ideen.
Wir folgen der Albrechtstraße weiter, die bald zur Schumannstraße wird. Hier beginnt die Theatergeschichte des Viertels: Etwas nach hinten versetzt, erhebt sich das Deutsche Theater, das 1850 als Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater eröffnet worden war und das Max Reinhardt von 1905 bis 1930 leitete. Hier wurden Hugo von Hoffmannsthals "Jedermann" und Richard Strauss' "Rosenkavalier" uraufgeführt. Vor dem Haus steht seit 2004 die Installation "Verweile doch", die zu Michael Thalheimers "Faust"-Inszenierung gehört.
Wir passieren wenig später das Strassmannhaus (Schumannstr. 18). Eine Tafel und eine Frauen-Skulptur in der Fassade erinnern an Prof. Paul Ferdinand Strassmann, einen der bedeutendsten Frauenärzte der Weimarer Republik, der dieses Haus 1909 als private Frauenklinik erbauen ließ.
An der Luisenstraße halten wir uns links und wandern bis zur Ecke Marienstraße. In der Luisenstraße 18 residierte bis zu seinem Umzug ins Palais am Festungsgraben der Künstlerklub "Die Möwe". Heute sitzt hier die Landesvertretung Sachsen-Anhalt.
Gegenüber, in Nr. 39, erinnert die Mori-Ôgai-Gedenkstätte daran, dass im Eckhaus von 1884 bis 1888 der japanische Arzt, Dichter und Übersetzer Mori Ôgai wohnte - er übersetzte als erster beide Teile von Goethes "Faust". Eine Ausstellung informiert über ihn, es gibt Lesungen und Vorträge.
Vom Pesthaus zur Uniklinik
Wir gehen zum Karlplatz, wo ein Denkmal für den Arzt Rudolf Virchow steht. Fritz Klimsch schuf es ab 1906 - es zeigt den Kampf der Mediziner gegen die Krankheit: Titan bezwingt die Sphinx. Daneben erinnert eine Tafel mit einem Gedicht Bertolt Brechts an die Pappel vom Karlplatz.
Auf der Charitéstraße geht es zum gleichnamigen Klinik-Komplex. 1710 wurde die Charité (frz.: Nächstenliebe) als Pesthaus eingerichtet, nach Gründung der Humboldt-Universität ergänzte sie die Uni-Klinik. Berühmte Ärzte wie Rudolf Virchow oder Ferdinand Sauerbruch wirkten hier. Vorbei an prächtigen Bauten wandern wir übers Gelände, statten dem Medizinhistorischen Museum einen Besuch ab (Di/Do/Fr/So, 10-17 Uhr, Mi/Sa, 10-19 Uhr) und verlassen das Areal am Alexanderufer. Wir passieren den Hamburger Bahnhof und den Platz vor dem Neuen Tor und biegen rechts in die Hessische Straße ein. Bald tauchen links Gebäude der Humboldt-Uni auf, etwa der Emil-Fischer-Hörsaal, an dessen Fassade mehrere Gedenktafeln hängen. Erinnerungen an die Kernphysikerin Lise Meitner und den Chemiker Otto Hahn, die hier gewirkt haben. Und an den Regimekritiker Robert Havemann, der hier im Wintersemester 1963/64 eine berühmte Rede über Naturwissenschaft hielt, in der er die "Freiheit aller" forderte - und die SED-Führung gegen sich aufbrachte.
Wo Bertold Brecht über den Platz schaut
Auf der Philippstraße erreichen wir weitere Bauten und Institute der Humboldt-Universität, die sich auf dem von Peter Joseph Lenné gestalteten Gelände des Gräflich-Preußischen Gartens verteilen. Das neben der Tierarzneischule (Luisenstr. 56) beeindruckendste Bauwerk der ehemaligen Tierärztlichen Hochschule ist gerade unter Bauplanen verborgen: das Anatomische Theater, 1790 von Carl Gotthard Langhans im Stil des Frühklassizismus entworfen, eine Hommage ans Teatro Anatomico in Padua. Unter der Kuppel findet sich ein runder Hörsaal mit filigranen Bankreihen.
Über die Claire-Waldoff-Straße geht's rechts in die Reinhardtstraße und lilnks in die Straße Am Zirkus. Die verdankt ihren Namen dem 1873 eröffneten Zirkus von Albert Salamonski. 1867 entstand hier die erste Markthalle nach Pariser Vorbild, die 1919 zum Großen Schauspielhaus umgebaut wurde. Ab 1945 diente es als Friedrichstadtpalast, nach 1980 wurde es abgerissen. Auf dem Bertolt-Brecht-Platz sitzt ein bronzener Brecht, drumrum stehen Säulen mit Worten des Dichters. Würde er nach rechts gucken, hätte er das Berliner Ensemble im Blick, das er im November 1949 gegründet hat. Und wir sind am Ziel.

