Carl Spitzweg war kein Spießer

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Peter Dittmar

Die "Spitzweg-Zeit" ist ein Synonym für das Biedermeier, für Beschaulichkeit, für kleinstädtische Idyllen, für den Rückzug ins "Glück im Winkel".

Die "Spitzweg-Zeit" ist ein Synonym für das Biedermeier, für Beschaulichkeit, für kleinstädtische Idyllen, für den Rückzug ins "Glück im Winkel". Es ist eine selbstgenügsame, unpolitische, verspießerte Welt, die Spitzwegs Gemälde spiegeln. Gewiss: gelegentlich mit sanfter Ironie unterlegt - wobei die komischen Figuren stets nur Männer sind. Eigenbrödler und Sonderlinge gewöhnlich, die seltsamen Beschäftigungen nachgehen, in ihrem Habitus und ihren Blicken Resignation erkennen lassen. Jugend bleibt den Sennerinnen, Wäscherinnen vorbehalten. Und den Bürgertöchtern, stets unter Aufsicht einer Mutter oder Matrone, die heimliche Liebesbriefe abfängt. Nur in den Landschaften, in denen die Menschen allenfalls winzige Staffage sind, ist Weite, Offenheit zu spüren.

Das alles ist richtig. Aber es ist nicht alles. Es verrät jenen verengten Blick, den man Carl Spitzweg nachsagt. Er war kein Großbürger, obwohl er dank der elterlichen Erbschaft Zeit seines Lebens weder seinen Unterhalt als Apotheker verdienen musste, noch auf Einnahmen als Maler angewiesen war. "Ich seh's schon, wenn ich von der Malerey leben müsste, ging mirs schlecht" schrieb er 1836 an seinen Bruder. Er war ein Bürger in bestem Sinne, sich seiner Stellung in der Gesellschaft bewusst und mit seinem Platz im Leben zufrieden. Und er war Münchner, allerdings nicht von jenem grantelnden Menschenschlag. Er verfügte über ein gehöriges Repertoire von Ironie und Selbstironie gepaart mit viel Wortwitz. Das verraten seine Bilder und Zeichnungen, aber auch seine Briefe und die zahlreichen Gelegenheitsgedichte und Stanzerln.

Nun, alle malten nicht so wie Spitzweg. Obwohl später sein Großneffe Willy Moralt den Spitzweg-Ton geschickt nachzuahmen verstand. Und auch nicht wenige Fälscher sich im Spitzweg-Genre versuchten. Aber das blieb äußerlich. Jene unnachahmliche Balance von offensichtlichem Spott und tieferer Bedeutung vermochten sie nicht ins Bild zu setzen. "Der arme Poet" ist dafür ein schönes Beispiel. Lange wurde das Gemälde - das es in drei Fassungen gibt, eine in München, eine in Nürnberg und eine einst in Berlin, jedoch seit einem dreisten Diebstahl 1989 für immer verschwunden - als Sinnbild eines verkannten Genies interpretiert. Zwar haben die Zeitgenossen das Groteske durchaus gesehen - und das Bild deshalb für den Kunstverein abgelehnt. Aber erst als man auf einer Vorzeichnung das Wort "Floh" entdeckte, wurde deutlich, dass der Poet nicht mit den Fingern hehre Hexameter abklopfte, sondern einen unangenehmen Störenfried knackte, das Pathos also durch die Tücke des Realen unterlaufen wurde. Solche Doppeldeutigkeiten sind in vielen seiner Bilder, die er anfangs akribisch und genau in den Details, später mit fast impressionistischem Pinselstrich malte, zu entdecken.

Spitzweg, am 5. Februar 1808 in München geboren, lernte erst in einer Apotheke, studierte dann Pharmazie und ein paar verwandte Fächer. Das Malen begann als Nebenbei, ehe es zur Hauptsache wurde. Da seine Heiratspläne scheiterten, die verheiratete Frau starb vor der angestrebten Scheidung, ging er als Hagestolz durchs Leben. Im September 1885 ist er in München gestorben. So bürgerlich Spitzweg auch war, seine Käufer waren zuerst "Höhergestellte", Adlige. Und es dauerte ziemlich lange, ehe er nennenswert verkaufte. Selten waren es mehr als zehn Bilder im Jahr. Und das obwohl er zeitweise acht Agenten beschäftigte. Auch dieses "Kunstmanagement" widerspricht dem Vorurteil von der "Spitzwegerei" als Weltfremdheit.

Joachim Nagel

: "Carl Spitzweg - Besuche im glücklichen Winkel" (Belser, 128 S. , 19,95 Euro)

Siegfried Wichmann

: "Carl Spitzweg - Reisen und Wandern in Europa" (Belser, 384 S., 49,90 Euro)