Eine verräterische Operndiva

Manchmal sind spontane Demonstrationen am erhellendsten. Den Pappdeckel von seinem Kaffeebecher nimmt der am Morgen vor der Probe noch etwas zerknittert wirkende Regisseur Sebastian Baumgarten und lässt ihn rhythmisch auf den Tisch plumpsen.

Manchmal sind spontane Demonstrationen am erhellendsten. Den Pappdeckel von seinem Kaffeebecher nimmt der am Morgen vor der Probe noch etwas zerknittert wirkende Regisseur Sebastian Baumgarten und lässt ihn rhythmisch auf den Tisch plumpsen. Wenn dazu ein Opernorchester spielt, sei das okay, sagt er: "Aber auf der Schauspielbühne herrscht ein anderes Zeitgefühl." Manches ist übertragbar, anderes geht in seinem Leerlauf partout nicht. Baumgarten inszeniert an der Volksbühne dieser Tage die "Tosca", gewissermaßen frei nach Puccini. Er dreht die Oper, wie er sagt, gerade durch die Steinmühle, um die Haltbarkeit der Texte zu überprüfen. Was dabei heraus kommt, wird bei der Premiere am 1. Februar festzustellen sein.

Lange Nacht der Oper

Eine "Lange Nacht der Oper" lädt bereits heute in das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz. Auszüge aus Frank Castorfs "Meistersinger" werden gezeigt, Franz Hawlata, der letzte Hans Sachs in Bayreuth, singt, Opernfilme werden gezeigt. Stefan Rosinski, der Chef der Berliner Opernstiftung, moderiert eine Diskussionsrunde mit Castorf, Baumgarten und Hawlata.

Als ob Berlin nicht schon genug Opernhäuser und freie Produktionen dieser Art hätte? Baumgarten zuckt nur mit den Achseln. "Wir im Prenzlauer Berg werden alle gemeinsam alt", sagt er lakonisch. Früher sei die Volksbühne eine Rumpelbude gewesen, dann ein Haus der Avantgarde, jetzt ist die Oper dran. Und dabei nickt der gebürtige Berliner lächelnd in Richtung des Szenekiezes, der gleich hinter dem Theater beginnt. Dort, wo es nur noch eine Generation von 35 bis 48jährigen Menschen gäbe, die alle dreijährige Kinder hätten. Der Enddreißiger sucht selbst gerade eine neue Wohnung, möglichst irgendwo im Osten Berlins.

Regieassistent bei Ruth Berghaus

Baumgarten gehört vom Alter her zur letzten Generation, die aus der privilegierten DDR-Kulturelite in den wiedervereinigten Kulturbetrieb eingestiegen sind. Sein Großvater Hans Pischner war zwei Jahrzehnte lang Intendant der Staatsoper Unter den Linden, seine Mutter gehörte zum Rundfunkchor Berlin. Sebastian Baumgarten besuchte die Händel-Musikspezialschule und absolvierte seinen NVA-Dienst. Dann studierte er Opernregie an der Musikhochschule "Hanns Eisler". Genau genommen ist er aus der Schule von Ruth Berghaus hervor gegangen, von ihr hat er die Entschlüsselung von postmodernen Codierungen gelernt.

Bis 2002 war er Oberspielleiter in Kassel, wo er mit seiner "Entführung aus dem Serail", dem "Rosenkavalier" und "Parsifal" für Aufregung sorgte. Für Puccinis "Tosca" bekam er den Götz-Friedrich-Preis für Nachwuchsregisseure. Bis 2005 residierte er als Chefregisseur am Meininger Theater. Bereits drei Jahr zuvor hatte er an der Deutschen Oper Berlin Massenets "Werther" gemacht, für seine Inszenierung von Händels "Orest" wurde er 2006 zum "Regisseur des Jahres" gekürt. Bald steht ihm der Adelsschlag in Bayreuth bevor: 2011 soll er dort Wagners "Tannhäuser" inszenieren - am Pult begleitet von seinem alten Mitstreiter Thomas Hengelbrock. Baumgarten wirkt schon ein wenig stolz beim Erzählen, zumal er gleich betont, nach Jahren der Hinwendung zum Theater nun doch wieder mehr Oper machen zu wollen. Jetzt ist "Tosca" fällig.

Als Regisseur ist Baumgarten wohl zuerst ein Kopfmensch, dialektisch geschult, einer, der alles gesellschaftlich hinterfragen muss. Tosca? Für ihn bleibt es im Stück unklar, ob sie in einer Rolle oder wie im Leben agiert. Sie spielt immerhin eine Diva. Überhaupt ist im Stück alles Schein, bis hin zur Scheinhinrichtung Cavaradossis, die schließlich am Ende real vollzogen wirken soll - bis der Tenor wieder aufsteht und seinen Applaus entgegen nimmt. Über solche Dinge denkt Baumgarten nach. "Tosca" ist für ein Lehrstück über Verrat und Bürgerkriegssituationen, wie sie auch aktuell zu beobachten sind.

"Es ist ein überaus reizvolles Material", betont er. Die Gegensätze sind sein Spielmaterial, wenn gleichzeitig Verführung auf und Folterung hinter der Bühne stattfinden. Ein wenig wie im Varieté wird es bei ihm zugehen. In seiner Theaterfassung greift er auf das von Puccini vertonte Libretto, aber auch auf das gleichnamige Drama des Franzosen Sardou und auf situative Dialoge zurück.