"Ich wollte immer nur meine Rollen gut spielen"

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Kirsten Liese

"Sind Ihnen Gasriecher noch ein Begriff, nee?" Im Nu verwandelt sich die Garderobe in eine Bühne.

"Sind Ihnen Gasriecher noch ein Begriff, nee?" Im Nu verwandelt sich die Garderobe in eine Bühne. Tief gebückt schlurft Christine Schorn im Kreis: "So sind die durch die Straßen gegangen, haben geschnuppert und an verdächtigen Stellen Erde aufgebuddelt, um zu gucken, ob die Leitung undicht ist." In Spindlersfeld, zu alten DDR-Zeiten, hatte die Schorn noch solche Männer gesehen. Das kommt ihr in den Sinn, wo sie sich jetzt selbst gerade als alte Nanja in Tschechows "Onkel Wanja" in dieser unbequemen, "krummrückigen" Haltung üben muss.

Mit knapp 64 Jahren zählt Christine Schorn zu den ältesten Ensemblemitgliedern des Deutschen Theaters, an das sie 1964 im Alter von 19 Jahren kam. Nie verspürte sie die Lust, sich zu verändern. Die Intendantenwechsel sind an Christine Schorn nahezu vorbeigegangen: "Mir war das so egal, als Schauspieler bist du sowieso alleine, ich wollte immer nur meine Rollen gut spielen." Besondere Vorlieben entwickelte sie dabei nicht. Die Schorn ließ sich besetzen, so auch von Jürgen Gosch als Kindermädchen für "Onkel Wanja", Premiere am 12. Januar. Ein vertrautes Stück. Sie spielte vor gut 30 Jahren die Jelena. "Gut war ich in der Rolle aber nicht", meint sie, "ich fühlte mich zwar toll in meinem prächtigen, maßgeschneiderten Kostüm - das war's aber auch." Wie sehr es der Text mit seinen scheinbaren Nichtigkeiten in sich habe, das war ihr damals gar nicht so bewusst. Inzwischen habe sie begriffen, "wie schwer es ist, sich mit einer Figur so vertraut zu machen". Gosch ist ihr dabei eine große Stütze, falle doch jeglicher "Zuckerguss" weg, "da wird ganz ruhig irgendwas Alltägliches gesagt und hat eine Wirkung, die einen erschüttert."

Die kleinen, unspektakulären Nebenfiguren reizen Christine Schorn. Auf der Bühne wie im Kino. So verkörperte sie in Martin Gypkens Episodenfilm "Nichts als Gespenster" eine Mutter, die ununterbrochen redet, die Probleme ihrer Tochter aber gar nicht bemerkt. Christine Schorn kennt sich aus mit solchen Psychogrammen, weiß, dass Frauen im Alter oftmals noch sehr aktiv sind, weil sie noch was nachholen wollen, während sich Männer nach Ruhe sehnen. Dass sie und ihr dritter Gatte Manfred Renger zwei Wohnungen haben, hat aber andere Gründe: Er ist ein großer Sammler, sie dagegen eine Meisterin im Entrümpeln, die "am liebsten auf dem blanken Parkett sitzt".

Das klingt nach nüchternem Pragmatismus, dabei ist die Schorn auch hinreißend komisch, schlagfertig und spontan, wenn sie frei von der Leber weg etwas tiefer ausholt über ihre Mutterfiguren und Männer und Frauen im Allgemeinen. "Na, dass Frauen im Alter die Aktiveren sind, ist die ausgleichende Gerechtigkeit, dafür sind Männer länger potent." Manchmal tun sie ihr aber auch leid, wenn sie sieht, wie die auf so "doofen obligaten Familienspaziergängen lustlos neben ihrem Anhang hertraben und man ihnen an der Nasenspitze ansieht, dass sie sich viel lieber zu Hause auf dem Sofa ausruhen würden." Wahrscheinlich ist es diese Mischung aus Humor und Lebenserfahrung, die dafür sorgt, dass Christine Schorn bei jüngeren Filmemachern so gefragt ist.

Bei jemandem wie Christian Schwochow, der sie als Großmutter für "Novemberlicht" engagierte: "Da haben wir einfach mal ausprobiert, ob diese Frau nicht vielleicht doch etwas stiller ist in ihrem Protest gegen den Mann." Oder Friederike Meletzky, die sie als Mutter in "Frei nach Plan" besetzte, auf dem Festival in Shanghai als "bester Film" ausgezeichnet und ab 6. März im deutschen Kino. Auch das ist wieder so ein Alltags-Film, in dem die Schorn neben Dagmar Manzel und Corinna Harfouch mit authentischem Spiel aus einer kleinen Rolle eine ganz große macht. Schorn: "Da war ich selber verblüfft, was ich noch alles auf der Palette habe."

Deutsches Theater

, Schumannstraße 13a, Mitte. Tel.: 28 44 12 25. Premiere: 12.1.