Beim zweiten Anlauf wird es tatsächlich ganz andächtig in der ausverkauften Columbiahalle. Zwar muss Travis-Sänger Fran Healey erst ein gütiges Machtwort sprechen, damit er uns ganz unverstärkt mit der Akustikklampfe seine Liebesballade von den "Flowers In The Window" vorsingen kann. Der Berliner lässt sich nun mal nicht so gern den Mund verbieten. Nicht mal im Konzert. Aber Healy schafft es. Und steht bei der Zugabe ganz vorn an der Bühnenrampe. Ganz nah bei einem Publikum, das sich schlichtweg verknallt hat in diesen sanften Schotten und seine Kumpels, die dem Brit-Pop eine gehörige Portion Gutmenschentum und hymnischen Balladen von Liebe, Verzicht und Verständnis verpasst haben.

Travis spielen einen feinen Rock 'n' Roll, nie so laut und großmäulig wie Oasis, aber laut genug, um erhört zu werden. Kein bisschen schnöselig oder überheblich. Ohne übermäßige Ecken oder Kanten. Frontmann Fran Healy, mit Baskenmütze zum weißen Anzug, singt mit leuchtenden Augen von der Liebe. Nicht von diesen billigen Fisch-sucht-Fahrad-Techtelmechteln oder von diesen inszenierten Gefühlen im real existierenden Medienzirkus. Da ist einer auf der Suche nach dem Guten im Menschen. Einer, der das Miteinander predigt und nicht einsehen will, dass es Kriege geben muss. "Love is faith" lautet die Botschaft. Lasst uns einfach für zwei Stunden zusammen sein. Und man nimmt es diesem Rockromantiker tatsächlich ab. Obwohl die Songs oft nahe am ehrlichen Emotionskitsch gebaut sind.

"Happy To Hang Around" vom neuen Album "12 Memories" steht am Anfang des Abends, der mit den überzeugenden Newcomern Athlete übrigens auch ein großartiges Vorprogramm zu bieten hatte. Travis verstehen sich auf herzerweichende Popschlager ebenso wie auf saitenschwere Rockeinlagen. Gitarrenrock eben, immer nett, immer sympathisch, immer unaufdringlich. Hier klingen ein bisschen Beatles durch, dort ein bisschen U 2. Travis erschlagen geradezu vor lauter Melodienseligkeit.

Aber nein, sie beschwören nicht immer nur Heile Welt. "Re-Offender" beispielsweise ist ein bitterböses Stück über Gewalt in einer unglücklichen Beziehung. Hinter dem süßlichen Refrain "The Beautiful Occupation" lauert eine enttäuschte Anklage gegen Britanniens Einsatz für Bushs Irak-Krieg. Da wird auch schon mal die Wut über die Hilflosigkeit gegenüber der politischen Macht in die Instrumente gehauen. Healy spricht viel mit dem Publikum, auch ein paar Brocken Deutsch. Er quillt über vor Dankbarkeit, dass man Travis weiter die Treue hält - und dass Drummer Neil Primrose nach lebensgefährlichem Unfall wieder hinter dem Schlagzeug sitzen kann.

Dann steht er da, allein an der schlecht ausgeleuchteten Bühnenfront, und singt ohne konzertübliche Verstärker-High-Tech "Flowers In The Windows". Selbst weit weg an den gesprächsfreudigen Tresen wird leise der Refrain mitgesungen. Für einen Moment sind alle eins.