Nina Hagen war nicht da. Doch davon später. Am Anfang steht der Pop. Lambretta um Sängerin Linda Sundblad zeigt in der ausverkauften Columbiahalle, wie sich auch die rebellischsten Ausformungen des Rock von Punk bis Metal in eingängiges Hitformat pressen lassen. Den Girlie-Massen vor der Bühne läuft vor Aufregung schon jetzt die Kajaltönung in die Augen.

Dabei sind sie doch wegen The Rasmus gekommen, dem Finnen-Vierer, der mit seinen "Dead Letters" auf Nummer 1 der deutschen Charts landete. The Rasmus bringen mit Perfektion und Gespür für hymnische Poprefrains Kinder und Teenager der Ohnmacht nahe. Was vor allem an Sänger Lauri liegt, dem neuesten Posterboy in bundesdeutschen Kinderzimmern. Spätestens seit "In The Shadow" sind The Rasmus die neuen Schmuse-Idole und verweisen die ganze nationale Pop- und Superstars-Mischpoke auf die billigeren Plätze.

Aber warum sieht man T-Shirts, die Namen tragen wie "Metallica", "Anthrax" oder "Blutkind"? Und was machen die vielen Gothics hier? Das liegt an der dritten Band, die mit Rasmus allenfalls die Heimat Finnland gemeinsam hat: Apocalyptica. Die drei Cellisten plus Drummer haben die Klassik-Rock-Schublade in die Doom-, Death- und Speed-Metal-Dimension aufgestoßen. Was Heerscharen von Rasmus-Fans aus der Halle treibt.

Apocalyptica jubeln ihren klassischen Instrumenten durch Einsatz modernster Gitarren-High-Tech das lärmende Element Lautstärke unter. Für die drei an Helsinkis Sibelius-Akademie geschulten Cellisten plus Schlagzeuger sind selbst Deep Purple und AC/DC schlaffe Oldies. Ihr Fan-Herz schlägt für Gruppen wie Metallica, Sepultura, Pantera. Deren Songs spielen sie auf krachend, kreischend, brachial bearbeiteten Saiten, orientieren sich auch bei Eigenkompositionen an Sturm und Duktus der Metalhelden und lassen dazu die langen Mähnen in Headbanger-Manier rotieren.

Eigentlich sollte Nina Hagen mit Apocalyptica die gemeinsam eingespielte Coverversion von Rammsteins "Seemann" singen. Doch Frau Hagen war unpässlich. Dafür gabs Gesangseinlagen von Lambretta-Frontfrau Linda und Sandra Nasic, der Guano-Apes-Sängerin. Die große Kunst von Apocalyptica besteht im Imitieren metaltypischer Sounds - von der Thrashgitarre bis zum Grunzen eines Doom-Shouters. Das Cello ist Stimme genug.