Alte Mythen neu verpackt

Die Berliner Morgenpost hatte die Kontroverse im Juli 2001 losgetreten - inzwischen gilt der "neue Streit um Troia" als eine der wichtigsten Auseinandersetzungen der deutschen Altertumsforschung. Jetzt legen beide Seiten nach.

Angriff ist die beste Verteidigung, soll der Schachmeister Adolf Andersen einmal gesagt haben. Das Wort scheint die Maxime der einen Fraktion im nun schon zwei Jahre währenden neuen Streit um Troia zu sein: Der Prähistoriker Manfred Korfmann, der Altphilologe Joachim Latacz, der Anatolist Frank Starke und ihre Sekundanten scheren sich nicht um die Zweifel deutscher und zunehmend auch internationaler Altertumswissenschaftler, sondern greifen ihre Kritiker mit neuen Thesen an.

Im Kern geht es um zwei einfache Fragen: War Troia im zweiten Jahrtausend v. Chr. eine wichtige Handelsmetropole? Und: Beschreibt Homers "Ilias" die spätbronzezeitliche Siedlung tatsächlich akkurat? Korfmann, Latacz und Starke bejahen beide Fragen mit Verve. Dagegen stehen viele Indizien und der Verdacht, angesehene Professoren könnten die Öffentlichkeit vorsätzlich manipulieren. Sind die Ausgrabungen in Troia also eine archäologische Sensation - oder ein Wissenschaftsskandal?

Kürzlich legten Korfmanns Anhänger nach, kaum zufällig mitten im medialen Sommerloch: Die Troia-Maschine rotiert weiter und produziert neue Mythen. Ganz rund läuft sie allerdings nicht mehr: Mit Daimler-Chrysler hat sich der private Hauptsponsor zurückgezogen - einen Zusammenhang mit der Kritik gebe es nicht, heißt es.

Höchste Zeit also für einen Gegenangriff. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ließ man den vermeintlich "ältesten griechischen Brief" feiern. Der freilich nicht nur den Schönheitsfehler hat, in Keilschrift und auf Hethitisch abgefasst zu sein, sondern auch schon seit 1928 bekannt ist. Erst die Interpretation macht aus diesem Schreiben ein "Schlüsseldokument", das Korfmanns Thesen bestätigen soll. In Wirklichkeit führt allein eine ganze Serie von gewagten Analogieschlüssen zu dieser Deutung. Eine wissenschaftliche Edition des Briefes einschließlich Kommentar ist angekündigt, liegt aber noch nicht vor. Trotzdem wird erst einmal die Deutung als "gesichert" in die Öffentlichkeit posaunt. Dabei ist in dem Keilschrift-Brief weder von Troia noch von Wilusa (neben Ilion und Hisarlik angeblich einem weiteren Namen der Siedlung) die Rede.

Fast zeitgleich versammelte Manfred Korfmann in Troia einige akademische und publizistische Verbündete, um zum vorläufigen Abschluss seiner Grabungen "neue Erkenntnisse" aus seiner inzwischen 15 Jahre währenden und mehrere Millionen Euro teuren Kampagne bekannt zu geben. Überraschendes allerdings gab es offenbar kaum zu vermelden: Troia sei in der späten Bronzezeit sehr bedeutend gewesen. Die Stadt habe eine "Mittlerfunktion zwischen Orient und Okzident" eingenommen. Es habe in Europa keinen vergleichbaren Ort gegeben - mit einer Unterstadt von "270 000 Quadratmetern umwehrter Fläche" und bis zu 7000 Einwohnern. Einwände seiner Kritiker störten den Ausgräber, mediengerecht mit Indiana-Jones-Hut auf dem Kopf, nicht.

Derlei nennt der Althistoriker Frank Kolb schlicht "Schaumschlägerei". Denn in einem bereits im Oktober 2001 gehaltenen, aber erst jetzt publizierten Vortrag (in: "Troia - Traum und Wirklichkeit. Braunschweigisches Landesmuseum., 216 S., 22 Euro) weist er detailliert nach, dass es gar keine Ummauerung der angeblichen Unterstadt gegeben hat. Außerdem zeigen seine Berechnungen, dass selbst nach Korfmanns eigenen Angaben die vermeintliche Siedlungsmauer eine Fläche von maximal 15 Hektar umfassen würde - nach der für altanatolische Städte anerkannten Einwohnerdichte von maximal 200 Personen pro Hektar könnte die Siedlung also höchstens 3000 Einwohner beherbergt haben.

Über ein Dutzend großformatige Bände hat Korfmanns Troia-Projekt seit 1990 publiziert. In dem mit Plänen und Fußnoten gesättigten Papierberg fehlt allerdings eine Darstellung der Funde, die tatsächlich der Phase Troia VI, der unbestritten besten Zeit der bronzezeitlichen Siedlung, zuzuordnen sind. Ein Zufall? Für einen weiteren, gerade erschienenen Sammelband über den "Neuen Streit um Troia" hat Kolb diese Lücke gefüllt (C. H. Beck, München. 430 S., 78 Euro).

Vergleicht man diesen Plan mit dem auf Korfmanns großer Troia-Ausstellung präsentierten Modell der "Unterstadt", so zeigt sich eine nicht zu erklärende Diskrepanz. Von der angeblich geschlossenen Bebauung mit Steinhäusern gibt es nämlich keine Spuren ebenso wenig wie von einer Mauer und einem Verteidigungsgraben.

Überhaupt führt eine Analyse der Grabungsbefunde zu konsternierenden Ergebnissen. So schließt der Archäologe Dieter Hertel, dass weder Troia VI noch das vermeintlich homerische Troia VIIa (12. Jahrhundert v. Chr.) durch Belagerungen zerstört wurde. Denn es fanden sich keine Spuren von Kämpfen, weder nahe beieinander liegende Waffenreste noch Skelette mit Kriegsverletzungen - ganz im Gegensatz zu anderen, tatsächlich in Kriegen zu Grunde gegangenen antiken Siedlungen wie Sardes, Lakisch und Alt-Smyrna. Bernhard Hänsel vom Archäologischen Institut der Freien Universität weist nach, dass die angebliche Handelsmetropole Troia nicht über ausgedehnte Beziehungen verfügte. Susanne Heinhold-Krahmer, Hethitologin in Salzburg, verwirft die Gleichsetzung von Troia und Wilusa.

Die Troia-Maschine stottert, aber noch läuft sie. Schließlich ist die Behauptung, in Schliemanns Entdeckung die "eigentliche Wiege" der antiken Kultur und damit Europas erkannt zu haben, spannender als Kolbs ernüchternde Bilanz: "Die aktuelle Troia-Grabung hat das Bild der Forschung von der Siedlungsstruktur auf dem Hügel von Hisarlik nicht nennenswert verändert."