Wir gehen schweren Zeiten entgegen. Wie man hört, droht das Hauptstadt-Umland zu versteppen. Angesichts der Hitze der vergangenen Wochen kommt man ins Grübeln. Könnte es sein, dass Berlin-Brandenburg zum deutschen Wüstenstaat wird? Mentale Vorbereitung tut Not. Gut, dass die Band Calexico dabei hilft. Sie kommt aus Arizona, wo die Klimaanlagen unaufhörlich sirren und die Echsen im Staub dösen. Und spielt nun auf der Museumsinsel, wo Kunstgrasplanen die verdorrte Wiese vor der Zumutung des Publikums schützen.
Trost tropft wie warmer Regen aus den Boxen. Denn Calexico macht das Beste aus der Glut der Dürre: seltsame Musik mit heißem Herzen und kühlem Kopf, die Coyoten besänftigt und Klapperschlangen Walzer tanzen lässt. Dafür haben Joey Burns und John Convertino, die Bandhäuptlinge im karierten Hemd, ungewöhnliches Instrumentarium mitgebracht. Ein Vibraphon etwa. Oder eine Pedal Steel Guitar, die Zither der Cowboys. Zwei Trompeten auch. Und Geigen aus Berlin. So unterschiedlich wie die Gerätschaften ist der Gesamtklang. Er speist sich aus verschiedenen Flüssen und Rinnsalen der amerikanischen Musik. Es strömt so vieles dahin: Mariachi-Pathos. Country-Schwermut. Jazz-Melancholie.
Sänger Burns, Schlagwerker Convertino und ihre Mitstreiter haben Mittel gefunden, das Widerstrebende zu kanalisieren. Es hat mit der Liebe zu einem großen Land zu tun. Und mit der Einsicht, dass hier viel schief läuft. Der Bandname verdankt sich einem Kaff auf der Grenze zwischen Kalifornien und Mexiko. Ein trauriger Ort. Wer rübermachen will von Mexiko, läuft Gefahr, erschossen zu werden. Wer es geschafft hat, arbeitet mit Glück in einem tristen Fastfood-Restaurant. Der amerikanische Traum - ein Ammenmärchen. Davon singt Joey Burns schöne garstige Lieder. Wer sagt's denn: Hitze macht nicht nur gelassen. Sie sorgt auch für wunderbar weltoffene Musik.
j.e.

