Er ist Geschäftsmann. Er ist Familienvater. Er feiert im Juli seinen 60. Geburtstag. Und seit 40 Jahren ist Mick Jagger der Sänger der Rolling Stones. Heute Abend tritt die dienstälteste Band, die es in der Geschichte des Rock 'n' Roll gibt, im Berliner Olympiastadion auf.

Berliner Morgenpost: Mr. Jagger, wenn Sie die Möglichkeit hätten, mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit zu reisen, was würden Sie ändern wollen?

Mick Jagger: Alles natürlich. Und dadurch würde ich einen komplett anderen Weg einschlagen. Aber man kann sein Schicksal nicht so kontrollieren, wie man es vielleicht gerne würde. Wenn man jung ist, ist es viel schwieriger, sich durchzusetzen, weil gewisse Leute mehr Kontrolle über einen haben. Heute ist das viel einfacher. Als wir angefangen haben, gab es diese schablonenartigen Muster noch nicht. Und auch keine derart gewaltige Musikindustrie. Es fehlte ein Entwurf für das, was wir in Angriff nahmen. Niemand ging auf Tournee. Es gab nur diese kleinen, netten Shows. Den Künstlern wurde auch nicht wirklich viel für ihre Aufnahmen gezahlt. Diese Dinge existierten damals fast nicht.

Denken Sie manchmal darüber nach, wo Sie sitzen würden, wenn Sie kein Rolling Stone geworden wären?

Was wäre, wenn Napoleon Russland erobert hätte? Es ist interessant, wenn man diese Bücher bis zu ihrem logischen Ende liest. Aber es ist ein Leichtes zu sagen: Es wäre schön gewesen, wenn ich Regisseur, Tänzer oder Buchhalter geworden wäre. Man weiß die Antwort einfach nicht.

Wohin kann sich ein Mensch wie Sie noch entwickeln, wenn man schon allen Erfolg gehabt hat?

Man muss sich davor hüten, alles nur zu wiederholen. Egal, ob man jetzt Schriftsteller, Journalist oder Maler ist. Besonders im Rock-Business geht es ziemlich eng zu. Es ist sehr schwer, etwas Interessantes beizubehalten und dennoch zu versuchen, sich weiterentwickeln.

Glauben Sie, dass die jungen Musiker von heute die gleichen Chancen besitzen wie einst die Stones oder Beatles?

Ich denke schon. Rockmusik in einer Band zu machen war in den frühen sechziger Jahren ganz neu. Aber das ist jetzt 40 Jahre her. Wie viele Generationen sind das? Zwei? Drei? Die Form der Musik ist eben älter geworden. Heute ist es schwieriger, einen solchen großen Wurf zu landen wie wir damals.

Welche Beziehung haben die Rolling Stones zu Deutschland?

Oder Deutschland zu den Stones? Ich hab' keine Ahnung. Wir kommen seit 38 Jahren nach Deutschland. Wir waren schon immer ein Teil der in Deutschland angesagten internationalen Popmusik. Darauf bin ich sehr stolz. Wir spielten dort eine Menge Shows. Und Deutschland gibt einem immer ein gewisses Gefühl der Nähe.

In den sechziger und siebziger Jahren waren die Shows noch nicht so sehr mit Lichteffekten, Videoleinwänden und Pyrotechnik voll gestopft. Braucht man das heutzutage?

Es kommt darauf an, an was für einem Ort man auftritt. In den frühen Sechzigern spielten wir in kleinen Sälen. Wenn wir heute in kleinen Lokalitäten wie dem Circus Krone spielen, gibt es da immer noch nicht allzu viel Pyrotechnik. Wenn wir aber in einem großen Stadion spielen, braucht man etwas für den visuellen Effekt.

Lenken diese optischen Reize den Besucher nicht vom Wesentlichen, der Musik, ab?

Das stimmt schon. Aber wenn man in ein großes Stadion geht, dann nicht nur wegen der Musik. Es ist so eine Art Allround-Erfahrung. Wie eine Mischung aus Fußballspiel und Musikshow. Man möchte die Erfahrung, welche die Leute dort machen, noch visuell steigern. Deshalb braucht es manchmal mehr als nur die Musik.

Sie haben 1991 das Lied "Highwire" geschrieben. Es handelt vom Golfkrieg. Hatten Sie in diesen Tagen wieder einmal das Verlangen danach, solch ein Lied zu schreiben?

Wenn der Geist einen dazu antreibt, dann schreibt man es einfach. Wenn nicht, dann nicht. Lieder sind ja soziale Kommentare. Über den letzten IrakKrieg hat es aber gar nicht so viele Lieder gegeben. Ich erinnere mich zumindest nicht daran. Auch über den 11. September gab es nicht viele Lieder. Einige vielleicht. Es ist komisch, diese sozialen Kommentare in der Popmusik sind sehr selten. Es ist schwer, so etwas auf den Punkt zu bringen.

Seit 40 Jahren gibt es die Rolling Stones. Was wird in den nächsten 40 Jahren geschehen?

Ich habe keine Ahnung. Das ist nun mal so in diesem Geschäft. Man weiß nicht, was passieren wird. Ich arbeite bereits an der nächsten Rolling-Stones-Show. Wir machen diese Tour ja schon seit Juli letzten Jahres.

Aber wurde diese Tournee nicht als die letzte Stones-Tour angekündigt?

Nein. Niemals. Das wäre auch ein Fehler. Wenn man seine Meinung später ändert, sieht man doch wie ein Idiot aus. Jetzt mache ich mir Gedanken über die nächste Tour. Leute fragen mich schon, ob ich nächsten Sommer verfügbar bin.

Und was antworten Sie denen?

Vielleicht.

Also werden sich die Rolling Stones nach dieser Tournee nicht zurückziehen?

Nein, wir werden uns definitiv nicht zur Ruhe setzten. Wir haben in Paris gerade einige neue Lieder aufgenommen und produziert. Ich möchte aber auch gerne wieder schauspielern. Das ist nämlich einfacher. Ich muss mir da nicht andauernd über alles Gedanken machen. Der Job kommt sprichwörtlich auf einen zu.

Und welche Rolle möchten sie spielen?

Comedy. Dark Comedy.

Olympiastadion, heute, 19 Uhr