Als sie sich Ende der sechziger Jahre ihren zuversichtlichen Namen gaben, konnten sie nichts wissen vom gleichnamigen Törtchenriegel aus dem Tempelhofer Nestléwerk. Dennoch ist die Musik von Yes nicht weniger süßlich, kernig und sämig - und kann bei übermäßigem Genuss ganz schön schwer im Magen liegen. Doch genau so, wie der Schokogebäck-Aficionado nichts auf seine süße Versuchung kommen lässt, steht die Yes-Musikgemeinde zu ihren frickelnden Art-Rock-Helden. Auch wenn die langen Mähnen inzwischen ebenso gelichtet sind wie die Reihen im Tempodrom, wo Yes nun nahezu in Originalbesetzung antrat. In jener Formation, die 1973 die monumentale Doppel-LP "Tales of The Topographic Ocean" einspielte. Groß ist der Jubel, als Gitarrist Steve Howe, das Anfangsthema von "Siberian Khatru" repetierend, erscheint. Auf der anderen Bühnenseite thront der einmal mehr zu Yes zurückgekehrte Keyboarder Rick Wakeman hinter seinen Moogs und Korgs. Schlagzeuger Alan White und Bassist Chris Squire zwirbeln an den vertrackten Rhythmen. Und in ihrer Mitte verbreitet Sänger Jon Anderson mit heliumheller Stimme hippiemäßiges Gutmenschentum. Das sind fünf großartige Musiker, keine Frage. Sie geben der Rockmusik in ihren überlangen, kühl ausgetüftelten, mathematisch strengen Arrangements psychedelische Schwere, jonglieren mit spielfreudiger Leichtigkeit mit Klassik-, Jazz- und Rockelementen. Bei Yes wird selbst ein Stück wie das wuchtige "Apocalypse" zu reinstem hymnischem Naschwerk. "Hat jemand einen speziellen Wunsch?" Von unten ruft's: "Heart of the Sunrise". Der Wunsch wird prompt erfüllt und hebt ab wie ein locker-luftiges Biskuit. Dann wieder werden die ausufernden Songgebilde klangmächtig mit Fettglasur überzogen. Bei so viel Bombast kommt es einer Erlösung gleich, wenn Howe wie vor der Pause allein auf der Gitarre seinen Ragtime "Second Initial" aus den Saiten zupft. Für die einen ist das zerklüftete Yes-Werk musikalischer Kitsch. Für die anderen - nämlich die, die den Weg ins Tempodrom gefunden haben -, ist es schlicht die süßeste Art, Ja zu sagen. Peter E. Müller