Doch, doch, Rock 'n' Roll ist korrumpierbar wie jedes andere erfolgsorientierte Sujet. Aber Rockmusik hat es immer verstanden, sich einer sich abzeichnenden Anbiederung durch den Mainstream zu entziehen. Während sich die einen zu Biedermännern mit Gitarre krümmen und dem "Wir-spielen-die-Hits"-Radio das Wort singen, stellen sich andere quer und strecken dem gemeinen Massengeschmack rabiat die Zunge heraus.

Beim kalifornischen Kraftquartett Metallica sah es fast so aus, als hätte es nach dem chartstauglichen "schwarzen Album" und Hits wie "Enter Sandman" saturiert seinen alten Kampfgeist aufgegeben. Die vier Musiker ließen sich sogar auf zwiespältige Experimente mit großem Orchester und philharmonischen Weihen ein. Es gab mehr Blech als Metall zu hören. Dann verließ Bassist Jason Newstead die Band. Frontmann James Hetfield verzog sich in die Alkohol-Entzugskur. Fast schien es, die Truppe stünde vor dem Aus.

Fast sechs Jahre gab es keine richtige Metallica-Platte mehr zu hören. Nun kehrt die Metal-Band gefestigt und mit ungeschliffenem Biss mit dem neuen Album "St. Anger" zurück. Mit elf rauen, rohen, so überwältigenden wie überlangen neuen Songs. Angeblich hat sogar ein Psychiater die Musiker für den richtigen Rabatz gesorgt. Und keine zwei Tage nach Veröffentlichung der Platte donnerte Metallica jetzt in Bestform durch die ausverkaufte Parkbühne Wuhlheide.

Sie machen zwei Stunden lang Druck. Kaum hat die Band mit dem aufwühlenden "Battery" vom "Master of Puppets"-Album die 17 000 Fans phonmächtig aus ihrer La-Ola-Welle-Euphorie aufgeschreckt, kommt Leben in das schwül-staubige Amphitheater. Mit geradezu mathematische Präzision prallen kantige Gitarrenriffs auf wühlenden Bass, werden vom Schlagzeug mit maschinengewehrflinker Doppel-Bassdrum angetrieben, von stupenden Breaks durchzogen. Das Taktschema wird immer wieder aufgebrochen, alles kulminiert irgendwann dann doch in skandierfreudigen Refrainzeilen, die aus Tausenden Kehlen quellen. Während Sänger und Gitarrist Hetfield, Schlagzeuger Lars Ulrich, Gitarrist Kirk Hammett und Bass-Neuzugang Robert Trujillo gestählt und durchtrainiert beste Figur machen, kommt man sich im Publikum bald vor wie im abgeschlagenen Mittelfeld beim Berlin-Marathon. Es mag an hochprozentigen Getränken und zuviel Bewegung bei diesen hochsommerlichen Temperaturen liegen, dass einige schon zur der Hälfte schlapp machen.

Jede Menge ältere Songs gehören zum Programm, Klassiker wie "No Remorse" oder "Seek And Destroy" vom 83-er-Debüt "Kill 'Em All", die nichts von ihrer knockentrockenen Aggressivität verloren haben. Überhaupt: Wenn sie spielen, möchte man diesen Burschen nicht im Dunkeln begegnen. Sie machen dem Namen des neuen Albums "St. Anger" alle Ehre. Die Songs sind von Wut und Zorn angetrieben. Doch machen die Musiker mal Pause, scheinen sie die friedlichsten Rocker der Welt zu sein. Raubeinige Kumpane, die am liebsten jeden einzelnen im Publikum freundschaftlich in den Schwitzkasten nehmen möchten. Hetfield ist nach erfolgreicher Reha etwas kräftiger geworden. Gut sieht er aus. Und er lacht ins Publikum.

Bei der Plattenfirma haben die Bosse wahrscheinlich die Ohren angelegt vor so viel Krach. Auf der CD findet sich aber auch nicht ein Song, der im Radio gut funktioniert. Den Titelsong "St. Anger" spielen sie live noch derber als auf Platte, mit wüsten Thrasher-Riffs und gnadenlosem Bass-Schlagzeug-Gedresche. Wunderbar. Metallica lehren jungen Prügel-Bands wie Linkin Park oder Blink 182 und den verschiedenen sogenannten "The-Bands" Mores. Lass den Ärger raus, und alles geht besser.

Hinterher, bei den Zugaben, kommen dann die Partykracher, mit denen Metallica trotz neu gewonnener Hartleibigkeit dann doch die Erwartung des Publikums nicht enttäuschen wollen. Bei "Nothing Else Matters" entflammt die Freilichtbühne in einem glücklichen Feuerzeug-Lichtermeer. Bei "Enter Sandman" lodern auf der Bühne noch einmal die bereits zuvor imposant eingesetzten Flammenwerfer auf, begleitet von gleißendem Höhenfeuerwerk. Den Jubel muss man eigentlich noch bis weit in die Innenstadt gehört haben.