Jede Zeit der Krise schafft sich ihre Kunstwerke. Das Horrorfilm-Genre hat sich gewandelt. Die lustigen Filme mit schwarzbemäntelten Serienmördern und schreienden Mädchen sind passé. Immer neue, sehr ernste Horrorfilme spiegeln unsere Gegenwart.
Haben Sie sich heute schon gefürchtet? Nein? Dann wird's aber Zeit. Überall um uns herum lauert wieder das Grauen in Reinkultur - vor allem auf der Leinwand. Neu im Kino ist Danny Boyles apokalyptischer Virus-Schocker "28 Days later", der die deutsche FSK schon zur Schere zucken ließ, obwohl darin nicht mehr Blut fließt als in anderen heutigen Thrillern. Das könnte daran liegen, dass dieser Alptraum und seine Gewalteruptionen einem so verstörend nahe kommen. Er wurde komplett auf Digitalvideo gedreht, um die körnigen, verwaschenen Bilder zu erzielen, die wir als "dokumentarisch" identifizieren und die jenen TV-Bildern der letzten Wochen aus Peking, Hongkong oder Toronto so gespenstisch gleichen, als die Lungenseuche SARS um den halben Globus griff.
Terrorismus und Seuchen haben kollektive Ängste neu geschürt. Das Grauen ist um uns - und das ist im Kino nicht mehr komisch. Vorbei ist die Zeit der "Screaming Teenies" mit ihrem lexikalischen Wissen über Serialkiller-Movies und der Selbstreflexivität modernen Kinogrusels, die ständig kreuz und quer und auf sich selbst verwies. Vorbei die Ikonisierung: Gus Van Sant, der noch vor ein paar Jahren mit dem Jux irritierte, Hitchcocks "Psycho" Bild für Bild nachzustellen, hat in Cannes die Goldene Palme mit "Elephant" gewonnen - einer mit Laiendarstellern inszenierten Fallstudie eines Schüleramoklaufs. Der wahre Teenie-Horror sieht heute anders aus.
Was vor 20 Jahren subversiv war, wurde vom Mainstream-Kino vereinnahmt, bis es fest zur populären Kultur gehörte. Man war seit dem ersten Hannibal-Film an morbide Kapriolen gewöhnt, langweilte sich schon angesichts der Schwemme schnippelnder TV-Pathologen, die ihm und den X-Akten gefolgt waren, hatte den sehr realen Einbruch der Toten in die Welt der Lebenden durch Gunther von Hagens' Ausstellung "Körperwelten" zumindest in den Medien gesehen. Der Popcorn-Film übte sich im Memory-Spielen, während die einstigen Blut-und-Eingeweide-Gurus Sam Raimi und Peter Jackson mit Multi-Millionen-Budgets "Spider-Man" oder "Der Herr der Ringe" realisieren durften.
Dann hat sich, deutlich nach dem 11. September 2001, wieder eine dunkle Note ins Kino geschlichen. Als ungewöhnlich depressiv und düster entpuppte sich die Welt der Schauerballaden "The Others" und "From Hell". Der Tod selbst schwingt das Szepter in den "Final Destination"-Filmen oder "Ghost Ship", dessen grausiger Anfang, wenn ein Stahlseil eine ganze Abendgesellschaft durchschneidet, einem wirklich das Abendessen verhagelt. Und mehr als ein Hauch von Armageddon durchzieht die Genozid-Themen von "Die zwei Türme" und "Matrix Reloaded" - die "Animatrix"-Filme haben sich gar ihre Ikonografie von Vietnamkriegs- und Holocaust-Bildern entliehen. Der moderne fantastische Film bedient Endzeitmythen mit einer Ernsthaftigkeit und Tiefe, als hätte er das Millennium verschlafen.
In Hideo Nakatas eisigem Fröstler "Ringu" kriecht ein Mädchen in einen Schrank und stirbt darin vor Angst. Da steigt - in einer Szene, die man nie mehr vergisst - das Entsetzen direkt aus dem Fernseher. Der japanische Film ist bereits ein Klassiker, dem sofort ein Zyklus von Epigonen folgte. Zum "Ring"-Ring zählen zwei Fortsetzungen sowie ein koreanisches und ein aktuelles Hollywood-Remake, das kürzlich bei uns lief.
Die neue US-Version gilt schon als Muster der Neuen Düsternis. In den USA soll demnächst sogar ein ganzes Symposium stattfinden, das sich nur mit diesem nachtschwarzen Film beschäftigt. Die Akademisierung des Horrors hat aber auch uns längst erreicht: Die Fachtagung "Bodies that splatter", die Ende April in Berlin stattfand, stand ganz im Zeichen der Blutwurst. Im weiten Feld zwischen Psychoanalyse, Semiotik und Kulturphilosophie steckte man mehr oder weniger überzeugende Deutungsclaims ab - da wurde schon mal eben der Mega-Trashfilm "Chuckys Braut" zum feministischen Manifest erklärt. Aber dass das Genre eine direkte Repräsentation sozialer Traumata ist, zweifelt heute niemand mehr an. Und dass die mit Wucht auf den Zuschauer zurückstürzen können, weiss jeder, der ängstlich um sich späht, wenn er nach dem Besuch von "The Ring" oder "28 Days later" aus dem Kino wankt.
Übrigens ist es Hideo Nakata mit "Dark Water" gelungen, seinen "Ring" noch zu steigern. Der Film steht bei uns noch aus. Es gibt Grund zum Fürchten.

