Hoch über der Bühne, auf einer Leinwand hinter den beiden mächtig dreindreschenden Schlagzeugern, dirigiert Übervater William S. Burroughs den kalten Entzug mit flacher Hand. "One More Fix" brüllt Al Jourgensen dazu heiser ins Mikrofon und in der Columbiahalle recken sich Hände in die Höhe. Irgendwo ganz vorne auch die Beine eines Stage Divers. Der Jubel ist hier nur zu sehen. Hören kann man nichts außer dem gnadenlos brachialen Sound, den die US-Industrial-Hardrocker von Ministry aufbrausen lassen. Daneben klingt eine wilde Horde Harley-Davidson-Fahrer zart wie Mozart.
Ministry haben dem Rock 'n' Roll seine Kompromisslosigkeit zurückgegeben. Sie rüpeln und radauen auf expressive Weise. Die beiden Gitarristen schieben wuchtige Klangwände ins Publikum, der Bassmann spielt auf einem halbakustischen E-Bass - der brummt und wummert noch mehr. An der Bühnenseite fährt ein Keyboarder grelle Samples und Stimmfetzen ab. Und mittendrin, an einem futuristisch ausstaffierten Mikrofon mit angeschraubtem Motorradlenker, rast Kraftpaket Jourgensen mit Sektflasche und Sonnenbrille durch das Höllental des Lebens.
Das Konzert wird zum Soundtrack für einen Horrorfilm, durch den staubige Kerle in langen Ledermänteln marschieren. "Animosity" vom neuen Album ist die Ouvertüre für diese eineinhalbstündige Kakophonie-Attacke, deren Druckwellen durchaus auch körperlich spürbar sind. Mit der Wucht überdrehter Maschinen zelebriert Ministry in lustvoll lärmenden, aber auch präzise durchgerechneten Songs rockmusikalische Anarchie. Das ist Präzisionsarbeit. "Filth Pig" brüllt Jourgensen allen Regeln und Gesetzen entgegen - und zieht mit martialischen Gesten gegen den Krieg in den Krieg. Mehr als einmal lässt der Amerikaner in den sekundenschnell vorbeizappelnden Filmbildern auf der Leinwand seinen Präsidenten aufblitzen, für den er wenig gute Worte findet. Aber die sind in diesem Phongewitter ohnehin nicht zu verstehen.

