Eine unangenehme Eigenschaft der Supergroups, jener Rockerscheinung des vorigen Jahrhunderts, war, dass sie so fix verglühten wie eine Supernova. Meist trugen sie die Musikernamen Markenartikeln gleich vor sich her, wie Kooper, Bloomfield & Stills, oder Beck, Bogart & Appice. Oder firmierten, weil Clapton, Baker, Winwood & Grech zu lang schien, als Blind Faith. Es blieb bei kurzfristigen Sessions ausgewiesener Individualisten.

Das US-Quartett Audioslave, das jetzt mit seinem ersten und einzigen Deutschlandkonzert die Columbiahalle ausverkaufte, wird derzeit als erste Supergroup des 21. Jahrtausends gehypt. Eine Zweckgemeinschaft, hervorgegangen aus den Trümmern zweier wegweisender Bands des Grunge und des Hardcore-Metals. Entsprechend laut ist der Jubel, als Audioslave mit «Light My Way» den Abend eröffnen.

Chris Cornell, der mit seiner geschundenen Stimme die ganze Bandbreite von Jim Morrison bis Robert Plant abdeckt, stand einst den Seattle-Grunge-Schwerstarbeitern Soundgarden vor. Nun hat sich der Rockshouter mit den Musikern der Polit-Metaller Rage Against The Machine zusammengerauft, denen wiederum ihr Sänger Zack de la Rocha abhanden gekommen ist. Was man nun zu hören bekommt, ist das beste beider Welten. Damit lassen sich gleich zwei ihrer Idole verlustig gegangene Fangemeinden gewinnen. Eine Rechnung, die aufzugehen scheint.

Mit ihrem Debütalbum haben die neuen Partner gleich einen Hit gelandet. Nicht, weil diese Musik sonderlich originell wäre. Audioslave besinnen sich auf alte Werte. Sie verführen auch in der Columbiahalle mit zeitgemäß angerautem, klassischem Rock. Tom Morello, der Politaktivist mit der E-Gitarre, fummelt und frickelt sich fingerflink durch vieles, was man von Led Zeppelin, Deep Purple oder Wishbone Ash schon auf Vinyl gehört hat. Er verfremdet sein Spiel mit immer neuen Effekten, denen Bassist Tim Commerford und Drummer Brad Wilk einen wütenden Stacheldraht-Drive verpassen.

Vom radikalpolitischen Engagement Rage Against The Machines ist auf der Bühne nicht viel übrig. Mit Sänger de la Rocha, der inzwischen mit DJ Shadow an seiner Solokarriere werkelt, hat sich auch der revolutionäre Geist verabschiedet. Immerhin: am Merchandising-Stand können sich die Aktivisten von «Axis of Justice» präsentieren. Gesammelt für Amnesty International wird auch. Und Cornell bekennt bei einer Ansage: «Nicht alle Amerikaner sind für den Krieg.»

Der musikalische Druck freilich ist geblieben. Mit ungeheuerer Wucht und entsprechend nötiger Lautstärke spielen Audioslave ihre neue Platte vor. Die Texte von Chris Cornell pendeln zwischen lyrischer Kraftmeierei und religiösem Reimen. «Show me how to live» ruft er seinem Schöpfer in einem Song entgegen. «I am not your rolling wheels, I am your highway» bekennt er in einem anderen.

Im Konzert versteht man zum Glück nicht alles, dafür fräst sich die Stimme um so markanter in den unbarmherzig drängenden Gesamtsound, der das Publikum motorisch in Bewegung bringt. Ihren Ohrwurm «Cochise» haben sie als letzte Zugabe platziert. Danach bekommt Cornell ohnehin keinen Ton mehr heraus. Wie der Mann mit seiner Stimme umgeht, wäre auch ein Fall für Amnesty International.

Audioslave ist eine Band, die noch auf der Suche ist nach eigenem Format. Vielleicht brechen sie ja tatsächlich die alte Regel von der begrenzten Halbwertzeit der so genannten Supergroups. Regelverstoß ist schließlich eine der Grundtugenden des Rock 'n' Roll.