Der Lebensspender

Wenn Barry White sprach und sang, klang das immer ein bisschen nach Gott. So Respekt gebietend tief war diese Stimme, so erdenthoben lässig, so klar in ihrer frohen Botschaft. Es ging ausnahmslos um Liebe, die unio mystica zwischen Mann und Frau, zwischen hellen Streichern und nachtsamtenen Disco-Beats.

Man kann sagen, dass sich die afroamerikanische Pop-Kultur grundsätzlich um die Pole "Body and Soul" dreht. Barry White kommt das Verdienst zu, beide Antipoden auf eigenwillige Art in Einklang gebracht zu haben. Indem er Soul-Musik machte. Und dabei immer nur Körperliches besang. Natürlich festigte der mächtige Pfundskerl damit gewisse Rassenklischees. Der asketische Weiße mochte lange die Macht gehabt haben in den verrückten Vereinigten Staaten. Mit dem Charme und der prallen Sinnesfreude des Schwarzen würde er jedoch nie und nimmer mithalten können. So etwas vernahm man zwischen den Zeilen, wenn der dunkle Riese gurrte.

Als er 1944 in Galveston, Texas, geboren wurde, taufte man ihn Booker T. Washington. Dass der Familienname White lautete, ist nicht ohne eine gewisse Ironie. Den Sinn für Humor behielt das Kind sein ganzes Leben lang. In seinen Memoiren erzählt White davon, wie er schon in früher Jugend mit anzüglichen Telefonanrufen Beziehungskrisen in der gesamten Nachbarschaft auslöste. Später, nach seiner Wiederentdeckung in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts, ließ er es bereitwillig zu, dass man ihm in den Comic-Sendungen "The Simpsons" oder "South Park" lustige Denkmäler setzte. In "Ally McBeal" spricht der schüchterne Anwalt John Cage auf der Unisex-Toilette immer wieder ehrfürchtig mit White wie einst Don Camillo mit Jesus; und der Sänger gibt ihm Musik und Mut und Kraft.

Barry White war gewiss auch immer eine Karikatur. 1974, als sein orchestrales "Love Theme" die Disco-Ära einsäuselte, war man sich dessen vielleicht noch nicht so bewusst. Doch im Jahr 2000, als seine Nummer "Staying Power" den Grammy gewann, gehörte der ewig Standfeste schon längst ins Abziehbild-Repertoire der ironischen Trash-Kultur.

Es lag an sämigen Klassikern wie "Never, Never Gonna Give You Up" oder "You're The First, The Last, My Everything", die irgendwie alles zugleich waren. Stimulierend. Bombastisch kitschig. Aber auch sehr groovy.

Den Sänger als stimmgewordenes Viagra abzutun, ist allerdings ungerecht. Barry White war nämlich ein wichtiges Organ der sexuellen Revolution. "Ich weiß, dass ich mit Liedern weder Kriege in Asien stoppen, noch das Rassenproblem lösen kann", ließ er einmal zu Zeiten des Vietnam-Gemetzels vernehmen. "Wenn mir aber eine Frau sagt, ihr Mann sei im Bett freier, nachdem er meine Platten gehört hat, macht mich das happy. Lasst mich also meinen kleinen Beitrag dazu leisten, den Krieg im Schlafzimmer zu beenden".

Am Freitag ist Barry White mit 58 Jahren in Los Angeles gestorben. Dem langjährigen Dialyse-Patienten versagte die Niere. Als Gott ihn zu sich zurückholte, lag er im Bett.