Ein Wochenende der starken Frauen: die eine zeigte im ColumbiaFritz Mut zum Gefühl, die andere fand im Quasimodo den Blues. Und die dritte behauptete sich in der Universal Hall souverän zwischen Country und Rock.

Sieben Jahre lang war Skin bis 2001 Anführerin der multikulturellen britischen Rockband Skunk Anansie. Animalisch-sportlich, kahlköpfig und mit angriffslustigen Texten sang sich die junge schwarze Frau nach vorn. Heute nimmt Skin Platten unter eigenem Namen auf. Die neueste, das Album "Fleshwounds", erscheint in einer Woche. Skin erschien schon jetzt mit ihrer neuen Band im ColumbiaFritz.

Ihre Fans haben sie, wie Skin selbst mit großer Zufriedenheit feststellt, nicht vergessen. Skins Musik ist sanfter, souliger und poppiger geworden. Die Amazone überprüft ihre Möglichkeiten im Mainstream. Ihr eigenes Material wirkt im Vergleich zu Skunk Anansie zart und zerbrechlich. Skin will ihre Harmoniebedürftigkeit nun nicht mehr leugnen. Aber für manchen Fan ist es schon eine Erleichterung, als sie sich gegen Ende doch einige Stücke von Skunk Anansie singt, wenn auch eher ruhigen Kalibers. Die wilden Jahre sind vorbei. *

Sarah-Jane Morris ist eine echte Frau. Das ist eine wichtige Feststellung. Es gab nämlich mal eine Zeit, da war man sich in England darüber nicht ganz sicher. Es lag an der Cover-Version von "Don't Leave Me This Way", die Morris im Verbund mit der schwulenbewegten Band The Communards 1986 mächtig erfolgreich in den europäischen Hitlisten unterbringen konnte. Wer so eine tiefe Stimme hat und wer so groß ist, dass er Jimmy Somerville mühelos zum Frühstück zu verspeisen vermag - der kann gar kein reguläres Weib sein. Dachte sich zumindest die BBC, als sie 1989 Morris' im Alleingang eingespielte Ballade "Me and Mrs Jones" aus dem Radioprogramm verbannte. Lesben - oder schlimmer noch: Transvestiten - könnten der britischen Volksgesundheit schließlich heillosen Schaden zufügen.

Bei ihrem Auftritt im Quasimodo erzählt Sarah-Jane Morris diese Geschichte mit derber Beiläufigkeit. Um hinzuzufügen, dass sie inzwischen glücklich verheiratet und Mutter eines neunjährigen Sohnes sei. Vielleicht ist sie zuviel Frau. Oder zu viele verschiedene Frauen. Janis Joplin schlummert unüberhörbar in ihrer Brust. Sie kabbelt sich mit der Wiedergeburt von Billie Holiday aus dem Geiste des Punk. Und da ist noch die eigensinnige Interpretin alter Rock- und Soul-Werke. Begleitet von E- und Akustik-Gitarrist Matt Becker singt die Lady den abgrundtiefen Blues. Sie sucht ihn auch in den Stücken ihrer neuen Platte "Love and Pain". "Ich hab all mein Geld auf ein Pferd namens Janis Joplin gesetzt", singt sie da. Es geht um die Schwierigkeit, als Mädchen in einer feindlichen Umwelt zu überleben. Janis hat es nicht geschafft. Um Sarah-Jane Morris aber, die Künstlerin, die Röhre, die Frau, braucht man sich keine Sorgen zu machen. *

Anfangs wirkt sie etwas knurrig. Zweieinhalb Stunden später scheint sie die glücklichste Countryrocksängerin in Berlin zu sein. Lucinda Williams, die Sängerin und Songschreiberin, ist spürbar erstaunt und erleichtert über die Wärme und Zuneigung, die ihr in der ausverkauften Universal Hall wiederfuhr. In den USA wird die Grammy-gekürte Musikerin als beste lebende Songschreiberin hofiert, die seit bald 30 Jahren ihren Weg geht. Doch erst jetzt fand sie in die Alte Welt. Flugangst machte bisher einen Strich durch die Tourplanung.

Lucinda Williams hat den Blues. Sie holt sich den Humus für ihre Lieder an den Wurzeln der amerikanischen Musik. Sie vermengt Folk, Country und Rock 'n' Roll zu einem emotionsgeladenen Treibmittel für Songs, in denen es um tragische Verluste, dramatische Liebesbeziehungen, Trauer, Tod, aber auch um Hoffnung geht. Sie chauffiert im chromglänzenden Mercury über den Highway des Lebens von "Greenville" nach "Lake Charles" und zurück und singt - unterstützt von drei stilversierten Musikern - mit rauer, kraftvoller, betörender Stimme vom Mut zur Individualität. Es stimmt froh, dass im immer tumber werdenden Musikgeschäft dennoch Platz für Outlaws vom Kaliber einer Lucinda Williams bleibt. Applaus!

huf.