Zum dritten Mal findet vom 25. August bis zum 17. September das Kunstfest Weimar statt. Mit einem gemischten Programm aus Musik, Ausstellungen, Tanz, Literatur, Theater, Politik und Kino versucht die künstlerische Leiterin Nike Wagner (61) gemeinsam mit ihrer Geschäftsführerin Franziska Castell (45), das Festival auf der nationalen Kulturbühne zu etablieren. Im Mittelpunkt des Festivals stehen Werke der Komponisten Franz Liszt, Wolfgang Amadeus Mozart und Gustav Mahler. Über das Kunstfest Pèlerinages sprach Franz Solms-Laubach mit Nike Wagner und Franziska Castell.

Berliner Morgenpost: Wann war denn eine von Ihnen das letzte Mal auf einer Wallfahrt?

Franziska Castell: Falsche Frage. Sie müssen fragen, ob jemand von uns beiden schon einmal auf einer Wallfahrt war.

Also gut, waren Sie?

Nike Wagner: Ich war kürzlich in Bayreuth. Das wird ja gemeinhin als Wallfahrt verstanden.

Castell: Ich war kürzlich leider nicht in Bayreuth, sondern mein Mann.

Wagner: Stimmt. Der ist brav gewallfahrtet und hat die "Götterdämmerung" im Festspielhaus geduldig durchgesessen.

Wallfahrten - Pèlerinages - sind ja im Allgemeinen nichts Angenehmes. Ist es so schlimm, nach Weimar zu kommen?

Wagner: Das Wort Pèlerinages hat einen religiösen Unterton. Noch wichtiger ist aber die Bedeutung von "unterwegs sein". Beides reimt sich auf Weimar. Dass die Kunst mal wieder ein Credo sei und Weimar das Ziel. "Unterwegs" sind wir ohnehin alle, das ist die moderne Kondition. Und die der Kunst.

Wie wollen die Pèlerinages neben Festivals wie Bayreuth und Salzburg bestehen?

Wagner: Wir sind David. Wir können uns mit den Goliaths gar nicht messen. Bayreuth ist ein altes Monofestival und Salzburg einfach eine andere Liga. Vergleichbar mit Salzburg sind wir in Weimar nur insofern, als wir auch ein gemischtes Programm mit Schwerpunkt Musik haben. Aber ohne Oper, das macht uns beweglicher.

Kann Vermarktung erreichen, was andere an Tradition voraushaben?

Castell: Ganz auf die Schnelle kann man das nicht. Man muss sich aber sehr schnell einen Namen machen, um überhaupt zu bestehen. Das haben wir geschafft. Es ist aber noch nicht so, dass unsere Besucher ihre Ferienkalender speziell nach unseren Premieren richten, was in Bayreuth und Salzburg selbstverständlich ist. Das müssen wir noch erreichen.

Schaffen die Pèlerinages den Schritt vom Provinzfest zum Aushängeschild der Stadt?

Castell: Das sind wir schon.

Wagner: In Weimar hat man sich vermarktungstechnisch auf Goethe geeinigt. Wir wollen die Stadt auf Franz Liszt umpolen. Weimar als Musikstadt zu definieren, gestaltet sich aber so schwierig wie jede Neudefinition.

Gibt es auf dem Weg dahin denn viel Widerstand?

Castell: Es gibt natürlich in einer kleinen Stadt Widerstände. Die meisten Menschen in einer Kleinstadt leben bewusst dort, weil das Leben ruhig und übersichtlich ist. Wenn dann jemand kommt, der mit dieser Kleinstadt Aufmerksamkeit erregen möchte, der groß hinaus will, der stört, dann erzeugt dies Reibung.

Wagner: Paradoxerweise ist es schwieriger, die Weimarer zu überzeugen als den Rest der Welt. Zugespitzt gesagt: Ich habe das Gefühl, die Weimarer langweilen sich in ihrer hübschen Kleinstadt. Deshalb wollen sie von einem Kunstfest "unterhalten" werden. Der Rest der Welt will aber, dass ein Festival in Weimar dem hohen Bild von "Weimar" entspricht. Unsere Tendenz ist, dem internationalen Image zu entsprechen. Das wird inzwischen auch immer mehr akzeptiert und honoriert.

Sie haben die öffentlichen Zuschüsse zu Bayreuth kritisiert. Warum?

Wagner: Neulich hat Wolfgang Wagner erklärt, man dürfe ihn nicht "Intendant" nennen, er sei ein "freier Unternehmer". Seit der Wiedereröffnung aber leben die Festspiele von staatlichen Zuwendungen. Von freiem Unternehmertum kann da keine Rede sein. Bayreuth ist zehnfach überbucht und weigert sich trotzdem, die Eintrittspreise in der oberen Kategorie hinaufzusetzen. Bayreuth ist ein - durch einen potenten Freundesverein unterstützter - Selbstläufer, der gewisse öffentliche Gelder längst wieder freimachen könnte.

Gleichzeitig hoffen Sie auf mehr Geld für das Kunstfest ...

Wagner: Ich habe nie die Notwendigkeit einer Subventionierung der Kunst durch den Staat infrage gestellt. Ich plädiere lediglich für eine Umverteilung der Mittel.

Warum kann man das Festival nicht mit privaten Sponsoren auf die Beine stellen?

Castell: Das blüht uns mittelfristig. Die öffentliche Hand streicht die Kulturförderung in den Ländern immer weiter zusammen, Kultur-Sponsoring wird immer wichtiger. Wir haben in diesem Jahr rund 600 000 Euro eingeworben. Nur über Sponsoren und Stiftungen können wir das Budget von 1,9 Millionen Euro nicht erreichen.

Sind die Deutschen geizig, wenn es um Kultur geht?

Wagner: Na ja, ich habe schon sehr viel Unverständnis bei einzelnen Hochbegüterten erlebt. Es gibt hier keine Spendenkultur, kein Mäzenatentum wie in Amerika. Wir sind offenbar immer noch daran gewöhnt, dass Kultur vom Staat bezahlt wird.

Frau Wagner, Sie haben jetzt ihren Vertrag mit Weimar verlängert. Geben Sie damit Ihre Bayreuth-Ansprüche auf?

Wagner: Weimar braucht das Kunstfest, und mein Konzept war immer auf Kontinuität angelegt. Warum sollte ich eine so interessante Stadt und mein bestens laufendes Kunstfest im Stich lassen? Den Politikern und Strippenziehern um Bayreuth wünsche ich viele schlaflose Nächte. Sie müssen einen neuen Geist in das alte Haus wählen. "Rechtsansprüche" hat keiner, auch niemand aus der Familie Wagner.