Architektur

Raumwunder in Wandlitz

Ehepaar Drews entschied sich für die platzsparende Holzständerbauweise mit zwei Terrassen und viel Komfort

Stadtflucht war schon immer eine beliebte Idee. Aber wer in der Stadt arbeitet, kann nicht so weit hinaus aufs Land. Das war schon in der DDR-Zeit so, als die Eltern von Falko Drews, einem gebürtigen Pankower vom Jahrgang 1971, sich – wie andere Pankower – nahebei ihre Bungalows zulegten. Dies geschah in Wandlitz, nur rund 30 Autominuten von Pankow entfernt im nördlichen Speckgürtel.

Der Ort ist verbunden mit der Waldsiedlung-Wandlitz, in der einst die ranghöchsten Regierungsmitglieder des SED-Staates abgeschottet von der Bevölkerung lebten. Aber diese Waldsiedlung, 1958-60 entstanden, hat mit dem ursprüngliche Dorf Wandlitz nichts zu tun, sie befindet sich nur in der Nähe. Wer ins Politbüro der SED aufgerückt war, musste seinen Wohnsitz in die Waldsiedlung verlegen, sie war umzäunt, bewacht und nur mit Sonderausweis zu betreten. Die angeblichen Volksvertreter mussten vor dem Volk geschützt werden. Auf dem Gelände befindet sich heute die Brandenburg Klinik Bernau, ein umfangreiches Rehabilitationszentrum.

Das ursprüngliche Wandlitz dagegen, am Wandlitzsee gelegen, war ein ruhiger Ort für Datschenbesitzer. Falko Drews ist hier in einem Großteil des Jahres aufgewachsen, die Eltern nutzten jeden freien Tag, um sich in ihrem Garten mit dem Bungalow aufzuhalten. „Der Hasenberg war eine riesige Kiesgrube“, erinnert er sich. „1975 wurden die Hügel von Baggern zusammengeschoben, die Hasenberg-Siedlung entstand. Ich kenne hier jeden Trampelpfad, die meisten der Nachbarn sind immer noch da, als Teenager habe ich Fahrradfahren gelernt, mit anderen hier meine ersten Streiftouren gemacht, die erste Zigarette geraucht, im See gebadet und mit meiner Mutter habe ich Ende der siebziger Jahre die Kiefer aus dem Wald geholt und eingepflanzt. Ich wollte sie unbedingt behalten, nachdem ein Sturm 2002 sie fast gefällt, sie alle Äste verloren hatte und wir sie mühsam wieder aufpäppeln mussten.“ Die Kiefer, die ihre Krone verlor, gleicht nach der Revitaliserung einer Pinie und bestimmt optisch das Bild des Anwesens.

Ökonomische Aufteilung

Dorthin ist Falko Drews mit seiner Frau Anja zurückgekehrt. Das Grundstück ist nur 460 Quadratmeter groß – aber daraus wollten sie etwas Besonderes machen. Im Frühjahr 2012 nahmen der einstige Booker einer Modelagentur in Hamburg, die er inzwischen verkauft hat, und das frühere Model, das auf internationalen Laufstegen unterwegs war, Kontakt zu den 2D+ Architekten in Berlin auf.

An die 20 Entwürfe und ständige Diskussionen mit den Architekten Markus Bonauer und Michael Bölling, erzählen die beiden, habe es gebraucht, bis sie wussten, was sie wollten. Nämlich ein jeden Meter nutzendes, voll integriertes Wohnmöbel, das jegliches Potenzial multifunktional ausschöpft. In dem Haus – innen 80, mit Terrassen 145 Quadratmeter, 17 Meter lang und fünf Meter breit – ist alles miteinander verschränkt. Und dennoch und gerade dadurch ist viel begehbarer Raum vorhanden.

Der Grundriss folgt dem Prinzip der Platzmaximierung, und der gesamte Wohnraum ist in zwei Zonen gefasst. Die offene Küche mit Esstisch, Couchlandschaft und drehbarem Kamin ist die größere Zone, eine Sauna und ein vergleichsweise geräumiges Bad sind angehängt und über einen Korridor, der auch den Eingangsbereich umfasst, zu erreichen. Das alles ist so komponiert, dass es großzügig wirkt. Verstärkt wird es noch durch die zwei gebäudebreiten Terrassen, die für die Raumökonomie des Hauses ausschlaggebend sind. Sie öffnen es zum Garten hin mit einer breiten Wohnzimmerverglasung, die sich aufschieben lässt und optisch den vom Grasmähroboter fast haarfein rasierten Rasen in die Wohnräume zieht.

In den warmen Monaten ist das Haus-Rechteck, das auf der hinteren Seite ganz nahe an die Nachbarhecke anschließt, nur noch unterbrochen durch einen japanischen Garten, und nach vorne hin in Südwestausrichtung durch eine blickdichte Hecke und an der Seite durch einen geschlossenen Holzzaun vor fremden Blicken geschützt ist, ein transparenter Baukörper. Das hat die Jury des Deutschen Holzpreises 2015 dazu bewegt, das Einfamilienhaus mit einer Würdigung zu versehen. Zusätzlich erhielt das Objekt den Brandenburgischen Baukulturpreis.

Die optimale Minimallösung wurde gefunden. Trotz des relativ geringen Potenzials von 100 Quadratmetern ist ein Haus entstanden, das mit erstaunlich viel Komfort und einer Top-Ausstattung versehen ist. Architektur, Innenausbau (Generalunternehmer war die Firma Holz und Raum in Berlin-Weißensee) und Landschaftsgestaltung haben eine attraktive Schöpfung zustande gebracht. Beim Außenmaterial legte sich das Bauherrenpaar auf Lärche, ein einheimisches Holz, fest. Diese Baumart ist besonders harzhaltig, durch Sonne und Regenwasser entsteht eine natürliche Imprägnierung. Die Holzschalung ist komplett naturbelassen, wurde aber vorvergraut. Die Holzständerbauweise ist grundsätzlich platzsparend, sie verschanzt das Tragwerk aus Holzfaserdämmung gänzlich in den Dämmschichten.

Einzig an der Vorderseite waren im Innenraum einige zusätzliche Stahlstützen erforderlich, um das Gewicht der riesigen Fenster – eine Hebe-Schiebe-Anlage – aufzufangen. So entstand auf kleinem Raum ein maßgeschneidertes Raumwunder.

Erweiterter Wohnraum

Im Innern entschieden sich die Drews für höchste Qualität. Die echtholzpanierte Wandpaneele besteht aus gekälkter Eiche, dazu passt der Dielenboden mit aus Italien geholten Keramikfliesen in einem weichen Grauton. Das Raffinierteste aber ist die bis auf den Millimeter genaue Anfertigung von Einbauschränken im gesamten Wohnbereich, überall mit der gleichen Holzpaneele verkleidet. Berücksichtigt wurden dabei flächenbündige Detailanschlüsse und elektrische Anschlüsse.

Die auf den Punkt gebrachten Konstruktionselemente ermöglichen einen beträchtlichen Zuwachs an Wohnraum, ausgefüllt vor allem durch die vollwertige Einbauküche, die dänischen Möbel und die beiden Sofas im Wohnzimmerbereich. Für sperrige Gegenstände wurde ein zusätzlicher Schuppen angebaut, der viel Stauraum bietet.

Das Schönste an diesem holzverkleideten Wohnmöbel ist jedoch die Einbettung in die Landschaft. Bei warmen Temperaturen hat das eine Pufferwirkung: Der Wohnraum erweitert sich nach außen auf die großen wettergeschützten Terrassen mit dem Baumbestand.